Vor einem entscheidenden NATO-Gipfel sagen Analysten, dass die Beziehungen Ankaras zu Kiew, Moskau und Washington Türkiye zu einem der wenigen Bündnismitglieder gemacht haben, die in der Lage sind, die Diplomatie am Leben zu halten und gleichzeitig Spannungen im Schwarzen Meer einzudämmen.
Anfang Juli wird Türkiye einen der wichtigsten NATO-Gipfel ausrichten, während Spannungen des Westens von der Ukraine bis zum Iran einen Schatten auf das mächtigste Militärbündnis der Welt werfen.
Inmitten regionaler und globaler Krisen hat sich Ankara als Beispiel geschickter Diplomatie und pragmatischer Politik etabliert und Türkiye unter die wenigen vertrauenswürdigen Staaten gebracht, die als Vermittler und Friedensstifter auftreten.
Mit der zweitgrößten Armee innerhalb der NATO war Türkiye stets von zentraler Bedeutung für die Sicherheit der Südflanke des Bündnisses. Inzwischen genießt Ankara auch für seine flexible Diplomatie großes Ansehen.
Ankara hat seine Rolle als rationaler politischer Akteur und verlässlicher Partner in mehreren wichtigen Konfliktregionen unter Beweis gestellt – von den Eskalationen im Schwarzen Meer im Zuge des Ukraine-Krieges bis zu den Spannungen in der Straße von Hormus während der US-israelischen Angriffe auf den Iran –, indem es sich als Vermittler zwischen den Konfliktparteien positionierte.
Im Ukraine-Krieg spielte Ankara eine konstruktive Rolle bei der Deeskalation der Spannungen zwischen zwei orthodox-christlichen slawischen Staaten, indem es Friedensgespräche ausrichtete und Gefangenenaustausche koordinierte.
Dabei profitierte Ankara vom Zugang des türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdoğan zu den politischen Führungen Russlands und der Ukraine.
Die Beziehungen Erdoğans zu US-Präsident Donald Trump sowie seine langjährigen Kontakte zum russischen Präsidenten Wladimir Putin und zum ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selenskyj hätten die Position von Türkiye als eines der wenigen Länder gestärkt, die mit allen Konfliktparteien im Gespräch bleiben können, sagen Analysten.
„Türkiye ist einer der realistischsten Orte für ein mögliches Treffen zwischen Selenskyj und Putin. Das Land verfügt über enge Beziehungen zur Ukraine, funktionierende Kontakte zu Russland und besitzt zugleich die zusätzliche Bedeutung eines NATO-Verbündeten“, sagt Ali Mammadov, Doktorand der Politikwissenschaft an der Schar School of Policy and Government der George Mason University.
„Diese Kombination verschafft Ankara eine diplomatische Position, über die nur sehr wenige Akteure verfügen“, sagt Mammadov gegenüber TRT World.
Diese Einschätzung teilt auch eine Quelle mit engen Verbindungen zu NATO-Kreisen, die aufgrund der Sensibilität ihrer Tätigkeit anonym bleiben wollte.
„Die türkische Vermittlung hat aufgrund des Vertrauens Trumps in Erdoğan, der zugleich enge Verbindungen zu Putin unterhält, hohe Erfolgsaussichten“, sagt die Quelle und ergänzt, dass diese Dynamik während des bevorstehenden NATO-Gipfels noch sichtbarer werden könnte.
Türkische Vermittlung
Von Beginn des Konflikts an richtete Ankara hochrangige Gespräche zwischen beiden Seiten aus.
Im März 2022 trafen sich die Außenminister Russlands und der Ukraine am Rande des vom türkischen Außenministerium organisierten Antalya Diplomacy Forum.
Drei Jahre später saßen die Delegationen erneut im Dolmabahçe-Palast in İstanbul am Verhandlungstisch.
Nach Ansicht von Mammadov habe „die türkische Vermittlung dazu beigetragen, Kommunikationskanäle offenzuhalten und praktische Mechanismen in einem Krieg zu schaffen, der andernfalls noch gefährlicher und unkontrollierbarer hätte werden können“. Er verweist dabei auf Initiativen wie die von Ankara vermittelte Schwarzmeer-Getreideinitiative, die durch die Einrichtung eines sicheren Korridors in einer kritischen Phase zur globalen Ernährungssicherheit beigetragen habe.
Zugleich betont er, dass der Wert von Vermittlung nicht allein daran gemessen werden dürfe, ob sie unmittelbar zu einem endgültigen Friedensabkommen führt.
„In einem langen Krieg können selbst begrenzte Vereinbarungen das Verhalten der Akteure beeinflussen, Unsicherheit reduzieren und den Druck auf beide Seiten aufrechterhalten, sich weiterhin auf diplomatische Prozesse einzulassen“, sagt er.
„Die Rolle von Türkiye zeigte sich bei Gefangenenaustauschen, den Istanbuler Gesprächen und der Schwarzmeer-Getreideinitiative, die dazu beigetragen haben, ein gewisses Maß an Ordnung rund um den Konflikt aufrechtzuerhalten. Die Vermittlung von Türkiye hat geholfen, die Folgen des Krieges zu bewältigen und das vollständige Verschwinden der Diplomatie zu verhindern.“
Die Getreideinitiative habe zudem gezeigt, dass Türkiye selbst während eines großen Krieges dazu beitragen könne, „eine schmale, aber funktionierende Zone der Zusammenarbeit“ zu schaffen. Dadurch konnten nahezu 33 Millionen Tonnen Getreide und Lebensmittel die Häfen des Schwarzen Meeres verlassen, was sowohl den Druck auf die globalen Nahrungsmittelmärkte verringerte als auch Spannungen im kommerziellen Schiffsverkehr entschärfte.
Blick auf das Schwarze Meer
Über die Vermittlung hinaus bemühte sich Türkiye auch darum, den Konflikt einzudämmen, indem das Land die Montreux-Konvention von 1936 umsetzte. Diese erlaubt Ankara, während eines Krieges die Durchfahrt von Kriegsschiffen kriegführender Staaten durch die türkischen Meerengen zu beschränken.
Die Balancepolitik Ankaras im Schwarzen Meer, das Schauplatz intensiver Drohnenangriffe zwischen Russland und der Ukraine auf Kriegsschiffe, Handelshäfen und Energieanlagen geworden ist, habe dazu beigetragen, eine Ausweitung des Konflikts auf andere Regionen zu verhindern.
Diese Balancepolitik zeigte sich insbesondere in der Entscheidung von Türkiye, die Meerengen von İstanbul und Çanakkale seit Beginn des Krieges im Februar 2022 gemäß den Bestimmungen der Montreux-Konvention für Kriegsschiffe der „kriegführenden Mächte“ Russland und Ukraine zu schließen.
Während die Konvention die freie Durchfahrt ziviler Schiffe in Friedenszeiten garantiert, räumt sie Ankara zugleich das Recht ein, militärischen Schiffsverkehr während eines Krieges zu regulieren und einzuschränken, wenn die Sicherheit von Türkiye gefährdet ist.
„Die verantwortungsvolle Wahrnehmung der rechtlichen Schutzfunktion über die Meerengen im Rahmen der Montreux-Konvention und des Völkerrechts hat wesentlich zur Sicherheit im Schwarzen Meer beigetragen und verhindert, dass der Krieg regionale Ausmaße annimmt“, sagt Teoman Ertuğrul Tulun, politischer Analyst am Eurasian Research Center in Ankara.
Seit 2022 hat Türkiye weder russischen noch ukrainischen militärischen Einheiten die Passage durch die Meerengen erlaubt. Dadurch konnten beide Seiten ihre Marinekapazitäten im Schwarzen Meer nicht weiter verstärken, was zur Deeskalation beigetragen habe.
Auch westlichen militärischen Einheiten hat Türkiye die Durchfahrt ins Schwarze Meer verwehrt, um zusätzliche Risiken zu vermeiden.
„Wir sorgen für die Schaffung relativer Sicherheit im Schwarzen Meer, indem wir die Schäden zwischen den kriegführenden Parteien so weit wie möglich begrenzen“, sagt Tulun.
Als bedeutende Seemacht mit umfangreichen militärischen Fähigkeiten spiele Türkiye zudem eine wichtige Rolle bei der Förderung der regionalen Zusammenarbeit zwischen den beiden nicht am Krieg beteiligten Anrainerstaaten Bulgarien und Rumänien, um die Region zu stabilisieren.
Als Seeminen im Jahr 2024 zu einer ernsthaften Bedrohung für den Handelsschiffsverkehr im Schwarzen Meer wurden, gründeten Türkiye, Bulgarien und Rumänien die MCM Black Sea Task Group zur Beseitigung treibender Minen.
Seitdem arbeitet die Einsatzgruppe weitgehend reibungslos und gewährleistet die sichere Passage ziviler Schiffe.
Auch Mammadov stimmt Tulun zu und betont, dass die Rolle von Türkiye im Schwarzen Meer nicht nur geografischer und militärischer, sondern auch diplomatischer Natur sei, da Ankara „für jede ernsthafte Diskussion über maritime Stabilität in der Region unverzichtbar bleibt“.
Strategische Balance
Die Balancepolitik von Türkiye werde sowohl von westlichen Regierungen als auch von Russland anerkannt. Ankara habe sich zu einem der wenigen glaubwürdigen Orte für mögliche Gespräche zwischen Putin und Selenskyj entwickelt.
„Die Position von Türkiye im Ukraine-Krieg lässt sich am besten als strategische Balancepolitik mit einem klaren Interesse an regionaler Stabilität beschreiben“, sagt Mammadov.
„Ankara unterstützt die Souveränität und territoriale Integrität der Ukraine, erkennt die russische Annexion der Krim nicht an und pflegt weiterhin eine wichtige Verteidigungskooperation mit Kiew. Gleichzeitig hält Türkiye die diplomatischen Kanäle nach Moskau offen und hat sich den westlichen Sanktionen nicht vollständig angeschlossen“, sagte er.
Mammadov weist darauf hin, dass Ankara keinen russischen Sieg wolle, der Moskau in Regionen vom Kaukasus bis nach Zentralasien stärken würde – einem türkisch geprägten Raum, in dem Türkiye seinen Einfluss zuletzt ausgebaut hat, während Russland in Ländern wie Armenien und Aserbaidschan an Einfluss verloren habe.
Gleichzeitig wolle Türkiye aufgrund der engen wirtschaftlichen und energiepolitischen Beziehungen zu Moskau „Raum für eine dauerhafte Lösung bewahren, die zukünftige Eskalationsrisiken reduziert“.
„Deshalb nimmt Türkiye eine besondere Position als NATO-Mitglied mit Glaubwürdigkeit in Kiew, funktionierenden Beziehungen zu Moskau und direkten Sicherheitsinteressen am Ausgang des Krieges ein.“
Auch Tulun teilt diese Einschätzung.
„Türkiye, das im Schwarzen Meer eine ausgleichende Rolle zwischen Russland und der Ukraine gespielt hat, genießt das Vertrauen beider Konfliktparteien, die unsere neutrale Haltung und unser positives Verhalten zur Stabilisierung der Lage verstehen“, sagte der Analyst.























