Vor rund zwei Wochen stand in der Wiener Hofburg Europas wirtschaftliche Zukunft zur Debatte. EZB Präsidentin Christine Lagarde nahm die Teilnehmer der Veranstaltung „Hofburg im Dialog“ dafür zunächst mit in das Wien des Jahres 1873. Damals gehörte die Stadt zu den wichtigsten politischen und wirtschaftlichen Zentren Europas. Die wenige Jahre zuvor eröffnete Ringstraße stand für eine Phase des Aufbruchs: Neue öffentliche Gebäude entstanden, Eisenbahnnetze wurden ausgebaut, Banken und Unternehmen gegründet. Europäisches Kapital finanzierte zugleich eine Technologie, die Wirtschaft und Gesellschaft des 19. Jahrhunderts grundlegend verändern sollte: die Eisenbahn.
Ein erheblicher Teil dieses Kapitals floss allerdings über den Atlantik. Britische und deutsche Investoren beteiligten sich am Ausbau der amerikanischen Eisenbahnen. Dann kam die Finanzkrise von 1873. Zunächst brach die Wiener Börse ein, vier Monate später folgte die Wall Street. Die Krise ging vorüber, doch die in den Vereinigten Staaten gebaute Infrastruktur blieb und trug in den folgenden Jahrzehnten zur wirtschaftlichen Entwicklung des Landes bei.
Lagardes historischer Rückblick führt damit zu einer aktuellen europäischen Debatte. Rund 150 Jahre später fließt europäisches Kapital erneut in eine Technologie, der weitreichende wirtschaftliche Veränderungen zugetraut werden. Diesmal geht es nicht um Eisenbahnen, sondern um künstliche Intelligenz. Und wieder findet ein erheblicher Teil der technologischen Entwicklung außerhalb Europas statt.
Der Abstand zu den USA und China
Die Zahlen verdeutlichen die Dimension. 2025 entwickelten die USA 59 bedeutende KI Modelle, China 35. Frankreich und Großbritannien kamen jeweils auf eines. Noch deutlicher ist der Abstand bei der Infrastruktur: Rund 75 Prozent der weltweiten Rechenkapazität für künstliche Intelligenz befinden sich in den Vereinigten Staaten. Europas Anteil liegt bei etwa fünf Prozent.
Gleichzeitig haben Haushalte aus der Eurozone rund 440 Milliarden Euro in amerikanische Technologieunternehmen investiert. Europäische Anleger profitieren damit einerseits vom Wachstum des amerikanischen Technologiesektors. Andererseits fließt Kapital in einen Markt, in dem bereits viele der weltweit führenden KI Unternehmen, Cloudanbieter und Rechenzentren angesiedelt sind.
Gerade die Rechenzentren werden zu einem entscheidenden Faktor. Künstliche Intelligenz benötigt nicht nur Algorithmen und gut ausgebildete Entwickler, sondern enorme Rechenleistung, Energie, leistungsfähige Halbleiter und Kapital. Europas bestehende Kapazitäten haben bereits Schwierigkeiten, mit der steigenden Nachfrage Schritt zu halten. Setzt sich die Entwicklung fort, könnte die Kapazitätslücke in den kommenden zehn Jahren um mehr als das Sechsfache wachsen.
Damit geht es bei Europas Position im KI Wettbewerb nicht nur darum, wer das nächste erfolgreiche Sprachmodell entwickelt. Die Frage ist auch, wo die Infrastruktur entsteht, auf der Unternehmen, Behörden und Forschungseinrichtungen künftig ihre digitalen Anwendungen betreiben.
Europas alte Suche nach technologischem Anschluss
Die Sorge, bei einer technologischen Transformation gegenüber anderen Wirtschaftsräumen zurückzufallen, ist nicht neu. Im Jahr 2000 formulierten die Staats und Regierungschefs der Europäischen Union in Lissabon ein ambitioniertes Ziel: Innerhalb eines Jahrzehnts sollte Europa zur wettbewerbsfähigsten und dynamischsten wissensbasierten Wirtschaft der Welt werden. Mehr als ein Vierteljahrhundert später ist die Bilanz gemischt.
Europa verfügt weiterhin über bedeutende Universitäten, Forschungszentren, Industrieunternehmen und hoch qualifizierte Fachkräfte. Doch viele Unternehmen, die das digitale Zeitalter prägen, kommen aus den Vereinigten Staaten. China hat sich gleichzeitig von einer Produktionsbasis für westliche Unternehmen zu einem eigenständigen Technologiezentrum entwickelt. Von künstlicher Intelligenz und Elektroautos über Batterien bis zu Telekommunikation und Robotik gehört das Land heute in zahlreichen strategischen Branchen zu den wichtigsten Konkurrenten der USA.
Europa befindet sich damit zwischen zwei Technologiezentren, die über große Märkte, erhebliche Investitionsvolumen und eigene digitale Ökosysteme verfügen. Die EU hat währenddessen einen Schwerpunkt auf die Regulierung neuer Technologien gelegt. Datenschutz, digitale Plattformen und zuletzt künstliche Intelligenz wurden mit umfangreichen europäischen Regelwerken versehen.
Diese regulatorische Rolle ist nicht zwangsläufig ein Nachteil. Einheitliche Regeln können Rechtssicherheit schaffen, Wettbewerb sichern und gesellschaftliche Risiken neuer Technologien begrenzen. Gleichzeitig stellt sich jedoch die Frage, ob regulatorischer Einfluss dauerhaft ausreicht, wenn zentrale Technologien und die dafür notwendige Infrastruktur überwiegend anderswo entwickelt werden.
Wenn technologische Abhängigkeit strategisch wird
An diesem Punkt berührt die KI Debatte eine andere Diskussion, die Europa seit Jahren beschäftigt: seine Abhängigkeit von den Vereinigten Staaten in strategisch wichtigen Bereichen. Besonders sichtbar ist diese Frage in der Verteidigung. Ein erheblicher Teil der militärischen Fähigkeiten innerhalb der NATO beruht auf amerikanischen Kapazitäten. Nach dem russischen Angriff auf die Ukraine haben europäische Staaten ihre Verteidigungsausgaben erhöht. Doch industrielle Strukturen und strategische Fähigkeiten lassen sich nicht kurzfristig aufbauen.
Technologie ist nicht mit Verteidigung gleichzusetzen. Dennoch stellt sich auch hier zunehmend die Frage nach Abhängigkeiten. Wenn KI Modelle, moderne Halbleiter, Cloudsysteme und ein großer Teil der Recheninfrastruktur von Unternehmen außerhalb Europas bereitgestellt werden, betrifft das nicht mehr nur einzelne Technologieunternehmen. Diese Infrastruktur bildet zunehmend die Grundlage für andere Wirtschaftsbereiche.
Die Ausgangslage Europas besteht dabei keineswegs nur aus Defiziten. Der Kontinent verfügt über einen großen Binnenmarkt, erhebliche private Ersparnisse, etablierte Industrieunternehmen und eine starke Forschungslandschaft. Entscheidend wird sein, ob diese Ressourcen stärker in eigene technologische Unternehmen und Infrastruktur übersetzt werden können.
Von der Eisenbahn zum Rechenzentrum
Damit führt die Debatte zurück zu Lagardes Ausgangspunkt in Wien. Die Eisenbahnen des 19. Jahrhunderts und die künstliche Intelligenz des 21. Jahrhunderts lassen sich nicht unmittelbar miteinander vergleichen. Die wirtschaftlichen Strukturen, Kapitalmärkte und geopolitischen Bedingungen sind heute grundlegend andere.
Die historische Parallele macht dennoch einen Zusammenhang sichtbar: Kapital kann dort langfristige wirtschaftliche Strukturen schaffen, wo es investiert wird. Vor rund 150 Jahren beteiligte sich europäisches Kapital am Ausbau amerikanischer Eisenbahnen. Heute investieren europäische Anleger erhebliche Summen in amerikanische Technologieunternehmen, während sich gleichzeitig ein großer Teil der weltweiten KI Rechenleistung in den Vereinigten Staaten konzentriert.
Ob Europa deshalb den Wettlauf um künstliche Intelligenz bereits verloren hat, lässt sich nicht aus einzelnen Kennzahlen ableiten. Der technologische Wandel steht noch am Anfang, und Europa verfügt weiterhin über wirtschaftliche und wissenschaftliche Ressourcen, die seine künftige Position beeinflussen können.
Lagardes Blick zurück auf das Jahr 1873 macht deshalb vor allem deutlich, weshalb die aktuelle Debatte über künstliche Intelligenz größer ist als die Frage nach dem nächsten Chatbot. Es geht darum, wo das Kapital investiert wird, wo die Infrastruktur der nächsten technologischen Epoche entsteht und welche Rolle Europa darin spielen wird.























