„Soll ich kündigen?“, „Wie sage ich das, ohne jemanden zu verletzen?“ oder „Mache ich gerade einen Fehler?“ – Fragen wie diese landen immer häufiger nicht bei Freunden, der Familie oder einem Therapeuten, sondern bei ChatGPT oder Gemini. Die KI-Antworten kommen sofort, sind strukturiert, oft erstaunlich einfühlsam – und jederzeit verfügbar, ohne soziale Hürden.
Was als praktisches Tool begonnen hat, ist für manche längst zur festen Anlaufstelle für persönliche Entscheidungen geworden: bei Konflikten im Job, Unsicherheiten in Beziehungen oder Selbstzweifeln im Alltag: KI begleitet uns zunehmend als Ratgeber im Alltag. Damit verschiebt sich eine Grenze: vom Austausch mit anderen hin zur Beratung durch künstliche Intelligenz.
Die Frage ist daher nicht mehr, ob Menschen KI-Systeme nutzen, sondern warum und wofür.
TRT Deutsch hat darüber mit der Psychologin Dr. Jennifer Haase vom Weizenbaum-Institut in Berlin gesprochen, nicht zuletzt, um herauszufinden, was menschliche Beratung von KI-Beratung unterscheidet. Welche Vor- und Nachteile hat KI-Beratung und wie fühlen sich KI-Antworten im Vergleich an?
TRT: Frau Dr. Haase, warum reden Menschen mit KI über Persönliches?
Dr. Haase: Als Menschen haben wir den urmenschlichen Trieb, alles in unserem Umfeld zu vermenschlichen, wie z. B. Haustiere und Pflanzen. Hat man nun plötzlich einen Kommunikationspartner an der Seite, den man ständig nutzt und der ohne Kosten und größere Nutzungshürden auf dem Smartphone daherkommt, wird es unfassbar leicht, KI-Systeme wie ChatGPT jederzeit anzupinnen. Das ist wie ein Ping-Pong-Spiel. Jeder Gedanke kommt dort rein. KI als Tool wertet nämlich nicht, so dass die Nutzer keine sozialen Hemmungen und Angst vor Bewertungen verspüren – wie dies beim sozialen Umfeld der Fall sein kann.
TRT: Woher kommt dieses Gefühl von Vertraulichkeit im Umgang mit KI?
Dr. Haase: Viele empfinden KI als neutral und nicht wertend, da die KI soziale erwünschte Reaktionen zurückspielt. Es handelt sich dabei um ein eingebautes Element von Large Language Modellen, dem sogenannten Reinforcement Learning from Human Feedback, kurz RLHF: sie wurden gezielt darauf trainiert, Antworten zu erzeugen, die von menschlichen Testpersonen als hilfreich, höflich, empathisch und angenehm bewertet werden.
Dadurch wirken viele Systeme verständnisvoll, zustimmend und sozial kompetent, auch wenn dahinter kein echtes Verständnis, Mitgefühl oder moralisches Urteilsvermögen steht.
Das Problem dabei: Menschen bewerten grundsätzlich positiver, wenn sie positives Feedback erhalten. Diese KI-Eigenschaft macht uns auf der Anwenderseite große Schwierigkeiten. Es ist kaum möglich, diesen Schmeichler-Effekt aus der KI heraus zu trainieren. Das positive Feedback fungiert wie ein Selbstverstärker – der Nutzer fühlt sich immerzu verstanden.
TRT: Welche psychologischen Prozesse spielen dabei eine Rolle?
Dr. Haase: KI-Nutzer brauchen keine Angst vor sozialer Bewertung zu haben. Wer sich einer nahestehenden Person öffnen will, muss sich Zeit nehmen, das Risiko einer vielleicht auch negativen Bewertung eingehen. Das hält viele zurück. KI kann man dagegen buchstäblich „totlabern“. Sie wird niemals „keinen Bock mehr“ haben. (lacht)
„KI hat einen endlosen Atem als Zuhörer“
Sozial erwartbare Marker des angemessenen Miteinanders fallen somit weg. Das Tool ist für uns immerzu erreichbar. Es folgt meinen Impulsen und impliziten Wünschen und verstärkt diese subtil immer weiter. Man muss schon aggressiv nach Gegenmeinungen fragen, damit man von diesem Selbstverstärker-Effekt wegkommt. Wie ein Pendel, das in die Richtung schwingt, die man eingibt.
TRT: Kann KI aus Ihrer Sicht in kritischen Lebenssituationen helfen?
Dr. Haase: Ja. Eine Sache kann KI nämlich besonders gut: Struktur in vielen Informationen erkennen. Erlebe ich z. B. wiederholt Situationen, die mich aufregen, kann KI mir helfen, Muster über die Zeit zu identifizieren und auf der Meta-Ebene zu analysieren, wie ich diese durchbrechen kann. Für diese Art von Erkenntnisgewinn im emotional-zwischenmenschlichen Bereich sehe ich viel Potenzial. Das Ausmaß der Menge an Informationen ist für Menschen heute nicht mehr zu greifen. Deshalb ist die KI-Fähigkeit, Verläufe und Tendenzen zu erkennen, wertvoll.
TRT: Wie setzt sich die Forschung damit auseinander?
Dr. Haase: Neben neutralen Tools wie ChatGPT und Claude bauen Firmen wie Character.AI heute auch explizit KI-Chatbots als soziale Begleiter: sie sollen Freund oder Partner sein. Diese KIs reden ihrem Gegenüber noch stärker nach dem Mund. Die Zahlen von Jugendlichen, die solche Tools benutzen, sind erstaunlich hoch – besonders im asiatischen Raum.
„Junge Menschen nutzen KI gern für emotionale Bildung“
Natürlich kann man das erst einmal für bedenklich halten. Als Forscherin finde ich es hier spannend zu sehen, dass die Forschung zeigt, dass viele auf Nachfrage, wieso sie diese Tools nutzen, sagen, es sei für sie eine Art emotionale Bildung. Das heißt: Bei stressigen Situationen geht die junge Generation die Situation mit Hilfe der KI erneut durch. Sie lernen dabei, welche emotionalen Reaktionen es gibt und was das mit ihnen macht. Die KI wird somit zum emotionalen Reflektionspartner.
TRT: Kann man KI auch therapeutisch anwenden?
Ja, z. B. bei psychischen Markern wie ADHS und Autismus. Hier ist das psychosoziale Verständnis oft nicht gut ausgebildet. Mit KI als Trainingspartner kann man sich dafür endlos lange Feedback einholen, um sein Gegenüber besser zu verstehen. Wir forschen aktuell hierzu. KI kann z. B. ein Kind mit ADHS-Symptomen imitieren, indem sie typisches autistisches Verhalten zurückspielt. So können wir Eltern oder Lehrer unterstützen, mit den speziellen Bedürfnissen dieser Kinder besser umzugehen. Die Idee solcher Experimente ist es, künstlich eine Verhaltensklasse zu repräsentieren, etwa um Lehrmaterial auf die Bedürfnisse von Schülern anzupassen. KI ist hier sehr vielfältig einsetzbar. Unter dem Strich kann man ihr jede Rolle geben und Kommunikation in einem sozial geschützten Rahmen sicher und ohne Wertung erproben. Das ist das Positive an der KI-Konsultation.
TRT: Worin sehen Sie denn die Risiken bei ständiger KI-Konsultation?
Dr. Haase: Der große Spielraum, der entsteht, wenn Menschen KI für persönliche und emotionale Fragen nutzen, ist unnatürlich und daher gleichzeitig auch das Gefährliche. Die Kehrseite lässt sich am Beispiel von Online-Dating illustrieren: Wisch-Apps wie Tinder sind seit gut 15 Jahren in unserer Gesellschaft etabliert. Nutzer entwickeln oft das Gefühl, die Datingpartner seien ersetzbar. Diese Schnelllebigkeit hat einen nachweislichen Effekt auf unser soziales Miteinander.
Wenn wir intensiv KI-Tools oder Character.AIs nutzen, die uns ein soziales Miteinander ohne „Nebenwirkungen“ vorgaukeln, d.h. ohne soziale Sanktionen und mögliche Verurteilungen, dann können wir über die Zeit auch eine ganz andere Erwartungshaltung an unsere Mitmenschen entwickeln: Möglicherweise halten wir Konflikte mit diesen weniger gut aus.
TRT: Wie wirkt sich das auf unsere echten Beziehungen aus?
Dr. Haase: KI ist darauf programmiert, immer nett zu uns zu sein und zu fragen, wie es uns geht, während ein echter Partner im Alltag auch mal stressempfindlich ist und menschlich reagiert. Wenn KI neue Normen des Miteinanders setzt, fällt es natürlich umso schwerer, sich an das „allzu Menschliche“ zu gewöhnen. Umgekehrt liegt darin auch Potenzial für eine Lernkurve.
Dabei kommt es individuell darauf an, wie jeder das KI-Tool für sich nutzt. Gewinne ich neue Perspektiven, die ich im Streit nicht sehen konnte? Erweitert sie meinen empathischen Horizont? Dann ist der Lernaspekt positiv. Gefährlich ist sie, wenn ich sie nur benutze, um meine sozialen Kontakte zu ersetzen.
TRT: Was kann menschliche Beratung aus Ihrer Sicht leisten, was KI grundsätzlich nicht kann?
Dr. Haase: Es gibt erstaunliche Forschungsergebnisse, die zeigen, dass KI-Therapeuten relativ gute Erfolge mit ihren Klienten erzielen, vergleichbar mit „menschlichen Therapeuten“. Auf der intellektuellen Weiterbildungsebene kann man mit ihr viel erreichen, z. B. Muster erkennen und diverse Themen individuell angepasst erlernen. Das möchte unsere Sparte sicher nicht immer hören. Therapie ist aber auch Beziehungsarbeit und kann durchaus physisch sein. Etwa, wenn der Therapeut körperlich verankerte Emotionen in die Therapie einbezieht.
„KI kann sich nicht zurücknehmen“
Das kann KI nicht, sie versucht stets die nächsten Schritte anzugehen, Mehrwert zu liefern, weil ihr „der nächste Push“ einprogrammiert wurde. Sie kann sich nicht zurücknehmen und Fragen stellen, die den Klienten zum Nachdenken anregen. Ein guter Therapeut macht auch mal eine Pause, lässt die Stille wirken und fragt: Wo kommt das Gefühl her? Gute Beratung und Coaching haben auch viel damit zu tun, Emotionen Raum zu geben und tiefes Verständnis zu generieren. KI ist in erster Linie auf viel, schnell und gut-klingenden Output programmiert.
TRT: Glauben Sie, dass KI-Tools eine Ergänzungslösung bleiben – oder zukünftig dauerhaft echte Gespräche ersetzen?
Dr. Haase: Grundsätzlich sehe ich in ihnen viel Potenzial. Wir können die Tools in vielen Bereichen zu unserem Vorteil nutzen – ob für Weiterbildung, um Ordnung in die eigenen Gedanken zu bringen und sie zu reflektieren. Es ist toll, dass wir jetzt einen menschlichen Interaktionspartner, der einfach nicht müde wird und nicht bewertet.
Die wichtige, feine Unterscheidungslinie besteht darin zu verstehen, ab wann man fundamental menschliche Funktionen durch diese Tools ersetzt: Ab wann rede ich nicht mehr mit meiner Freundin, sondern gehe bei Problemen zu meinem KI-Tool, weil es einfacher ist? Wer das versteht, merkt, ab welchem Punkt er durch die KI-Tools persönlich nicht mehr wächst, sondern fundamental Menschliches an eine Technik auslagert.
TRT: Wie wirkt sich KI-Beratung auf Coaching und Therapie der Zukunft aus?
Dr. Haase: Ich komme selbst aus dem Coaching-Bereich: Das dortige Credo ist aktuell, KI-Tools nur für halbwegs standardisierte einfache Themenfelder zu nutzen. In fast jedem Coaching taucht z. B. irgendwann die Frage nach guten Zeitmanagement-Tools für das Arbeits- und Familienleben auf. Diese Fragen kann man sich mit KI gut im Ping-Pong-System selbst erarbeiten. Das braucht kein individuelles Coaching für 200 Euro pro Stunde. Dieses kann man sich für die kniffligen, umfassenden emotionalen und physischen Themen vorbehalten. Das bleibt in Menschenhand.
TRT: Vielen Dank für das Gespräch, Frau Dr. Haase.
Die Psychologin Dr. Jennifer Haase ist seit 2019 am interdisziplinären Weizenbaum-Institut (WI) in Berlin beschäftigt, seit 2025 als Forschungsgruppenleiterin. Das WI betrachtet die gesamtgesellschaftlichen Effekte durch die Digitalisierung in den Bereichen Wirtschaft, Recht, Kommunikation, Politik, Arbeitssoziologie und Psychologie. Als Forscherin versucht Dr. Haase die Mensch-KI-Interaktion besser zu verstehen und befasst sich mit dem sinnvollen Aufbau, der Nutzung und Regulation von KI in Workflows. Sie ist Autorin der Publikation „Erweiterung des Coachings durch generative KI: Einblicke in Nutzung, Effektivität und Zukunftspotenziale“ (2025, Springer) und zudem als Coach tätig.























