Vom Pazifismus zur Verteidigung: Europas Verteidigungskapazität und Dual-Use-Technologien

Europa steht sicherheitspolitisch an einem Wendepunkt. Während alte Gewissheiten bröckeln und der transatlantische Schutzschirm infrage steht, wird klar: Militärische Stärke allein reicht nicht aus.

By Prof. Dr. Seyithan Ahmet Ateş
ARCHIV - 06.02.2019, Bayern, Manching: Eine Jagddrohne vom Typ AirRobot AR200. / Foto: DPA / DPA

Europas Verteidigungsdoktrin und Sicherheitsarchitektur durchlaufen derzeit eine der schwierigsten Phasen der letzten Jahre. Während der Ukraine-Russland-Krieg noch andauert, konfrontieren neu auftretende geopolitische Herausforderungen Europa mit einer ungewohnten Unsicherheit. Wir befinden uns in einer Zeit, in der sich der geopolitische Wettbewerb täglich verschärft und Szenarien laut werden, wonach die USA – die wichtigste Stütze der europäischen Sicherheit – ihren „Schutzschirm“ über der EU nicht mehr aufrechterhalten könnten. Sogar über ein mögliches Ende der NATO, befeuert durch Diskussionen rund um Grönland, wird spekuliert.

In diesem Prozess überlegt Europa, wie es seine eigene Verteidigungskapazität wieder aufbauen kann. Doch diese Suche beschränkt sich, wie zu erwarten, nicht nur auf die Erhöhung militärischer Kapazitäten. Vielmehr muss die gesellschaftliche Psychologie ihren „wehrhaften Geist“ wiedererlangen.

Europas Streben nach Wandel stößt jedoch auf historische und psychologische Grenzen. Der Zweite Weltkrieg und die direkte Erfahrung von Zerstörung und millionenfachem Tod gehören in Europa der Vergangenheit an. Mit dem Ende des Kalten Krieges entstand ein Europa, in dem die Risikowahrnehmung weitgehend verschwand und die Wahrscheinlichkeit eines groß angelegten Krieges in der nahen Geografie als gering oder gar unmöglich eingestuft wurde – zumindest bis zum Russland-Ukraine-Krieg. Aufgrund dieser Wahrnehmung wurde die Verteidigungsinfrastruktur verkleinert und Militärausgaben zugunsten von sozialem Wohlstand und wirtschaftlicher Entwicklung umgeleitet. Die europäischen Gesellschaften entwickelten mit der Zeit einen zunehmend pazifistischen Charakter.

Heute gibt es in führenden europäischen Ländern wie Deutschland, Frankreich, dem Vereinigten Königreich und Spanien keine Wehrpflicht mehr. Im Vereinigten Königreich beispielsweise ist die Zahl der Soldaten von rund 150.000 in den 1990er Jahren auf heute etwa 70.000 gesunken. Zudem war die Unterstützung von Projekten mit militärischem Nutzungspotenzial durch EU-Fonds bis vor wenigen Jahren stark eingeschränkt. Wenn die Ergebnisse eines Projekts möglicherweise im militärischen Bereich genutzt werden konnten, wurden solche Projekte bewusst von der Forschungs- und Entwicklungsförderung ausgeschlossen.

Trotz dieses Bildes bemüht sich Europa heute, seine alte Verteidigungskapazität wiederzuerlangen. Doch noch schwieriger als die physische Aufrüstung ist die Verwirklichung einer mentalen und doktrinären Transformation. Es scheint kurzfristig keine leichte Aufgabe für Europa zu sein, sich von den über Jahre aufgebauten pazifistischen Reflexen zu lösen und sich einer dynamischeren, kämpferischen und auf Abschreckung basierenden Sicherheitsauffassung zuzuwenden. An diesem Punkt kann ein historischer Vergleich lehrreich sein. Seit Beginn des 19. Jahrhunderts entwickelte sich der deutsche Industrialisierungsprozess in enger Verflechtung mit der Rüstungsindustrie. Viele heute bekannte europäische Automobilhersteller übertrugen ihre im militärischen Bereich gewonnenen Fähigkeiten und Fertigungstechnologien nach dem Zweiten Weltkrieg auf zivile Bereiche. Viele Errungenschaften der Verteidigungsindustrie wandelten sich durch sogenannte „Spill-over-Effekte“ und Dual-Use-Technologien (Güter mit doppeltem Verwendungszweck) in zivile Technologien um. Dies war seinerzeit ein wichtiger Motor für Europas wirtschaftlichen Aufschwung.

Das heutige Europa hat sich jedoch weitgehend von solch organischen Verbindungen zwischen Industrie und Verteidigung gelöst. Veränderte geopolitische und geoökonomische Bedingungen haben in der gesamten Europäischen Union zu einem Anstieg der Verteidigungsausgaben geführt, der noch vor kurzem unvorhersehbar war. Doch wie kann Europa seine Verteidigungs- und Militärfähigkeiten am schnellsten ausbauen? Dual-Use-Technologien könnten hierbei ein entscheidender Weg sein.

Der Wandel der Kriegsführung und die Rolle der Technologie

Der Wandel der Natur des Krieges, der eng mit Allzwecktechnologien – insbesondere künstlicher Intelligenz – verbunden ist, zwingt Europa dazu, seinen Ansatz gegenüber Dual-Use-Technologien neu zu bewerten. Für Europa, das relativ spät und plötzlich in den Rüstungswettlauf eingestiegen ist, stellt die Fokussierung auf diese Technologien einen rationalen Ausweg dar. Europa kann seine starke Innovations- und Technologiekapazität nutzen, um diese in Verteidigungsfähigkeiten umzuwandeln.

Denn die Methoden der Kriegsführung ändern sich. Die Verteidigungskapazität wird heute nicht mehr nur durch die Produktion von Kampfjets oder Panzern bestimmt. Software, die diese Plattformen effektiver macht, fortschrittliche Radarsysteme, elektronische Kriegsführung, Jammer-Technologien, Cyber-Fähigkeiten und neue Algorithmen werden zunehmend kritischer. Ein bedeutender Teil dieser innovativen Kriegstechnologien besteht aus Dual-Use-Technologien.

Das Konzept ist an sich nicht neu; der Technologietransfer zwischen militärischen und zivilen Bereichen wird seit langem beobachtet. Doch das moderne Schlachtfeld wird nicht mehr allein durch traditionelle Waffensysteme definiert. Kriegführung und -ausgang werden heute durch kommerzielle Kommunikationsinfrastrukturen, Sensoren, Datenplattformen und KI-Anwendungen geprägt, die auf zivilen Technologien basieren. Mit anderen Worten: Das zeitgenössische Gefechtsfeld ist ebenso ein Produkt ziviler technologischer Ökosysteme wie militärischer.

Umkehrung des Technologieflusses

Dieser Wandel wird durch die Umkehrung des Technologieflusses noch deutlicher. Während in den frühen Phasen der Dual-Use-Technologien Innovationen aus dem Verteidigungsbereich in die zivile Welt flossen, ist heute der zivile Sektor die Hauptquelle der Technologieproduktion. Kommunikationssysteme, Sensoren, Softwareplattformen und KI-Lösungen aus diesen Bereichen werden direkt für Sicherheitsanwendungen adaptiert. Dies zeigt, dass Verteidigungskapazität nicht mehr nur von militärischer Forschung und Entwicklung abhängt, sondern auch von kommerziellen und zivilen Innovationsnetzwerken. Daher erfordert die Frage, wie die verstreute zivile Technologiekapazität in militärische Bereiche übertragen werden kann, einen neuen Mentalitätswandel.

Eine zentrale Unterscheidung moderner Kriege ist, dass zivile Technologien zu Kernelementen des Kampfes geworden sind. Firmen wie Palantir, Helsing oder Baykar sind keine traditionellen Rüstungsunternehmen im klassischen Sinne. Die entscheidenden Technologien auf dem Schlachtfeld speisen sich heute weitgehend aus Algorithmen, Softwaresystemen und F&E-Ökosystemen. Softwareentwickler, Datenwissenschaftler und KI-Ingenieure haben – ohne Uniform zu tragen – einen indirekten, aber entscheidenden Einfluss auf den Ausgang von Kriegen.

Beispiele aus der Praxis: Quantum Systems und Helsing

Ein klassisches Beispiel für ein Dual-Use-Unternehmen ist die deutsche Firma Quantum Systems. Ihre senkrecht startende elektrische Kartierungsdrohne „Trinity Pro“ kann sowohl für militärische als auch für zivile Zwecke eingesetzt werden. Auch Helsing kann als Dual-Use-Unternehmen betrachtet werden. Als Europas wertvollstes „Defense-Tech“-Startup mit einer Bewertung von über 12 Milliarden Euro entwickelt Helsing KI-gestützte Systeme für militärische Anwendungen, darunter Angriffsdrohnen, Unterwasserüberwachung und Software für Entscheidungsfindung auf dem Schlachtfeld. Das Unternehmen hat sich rasant von der reinen Softwareentwicklung zur Produktion autonomer Kampfsysteme weiterentwickelt.

Nicht der große, sondern der „kluge Fisch“ zählt

Die Anpassungsgeschwindigkeit ziviler Technologien an den Verteidigungsbereich ist heute eine entscheidendere Variable als die klassische militärische Feuerkraft. Kleine, kostengünstige und schnell anpassbare Systeme können eine asymmetrische Überlegenheit gegenüber teuren und langsam beschafften Plattformen bieten. Es ist wichtiger geworden, nicht den „großen Fisch“, sondern den „klugen Fisch“ zu finden und in die Verteidigungsfähigkeit zu integrieren. Dies erfordert eine Bewertung militärischer Kapazitäten auf Basis organisatorischer und technologischer Agilität, nicht nur quantitativer Masse.

Die Verbreitung von Dual-Use-Technologien macht Verteidigungsplanung zur Aufgabe über militärische Institutionen hinaus; Universitäten, Start-up-Ökosysteme und zivile Forschungszentren werden zu integralen Bestandteilen der Sicherheitsarchitektur. Ein zeitgemäßes Sicherheitsverständnis darf sich daher nicht nur auf Waffensysteme stützen, sondern muss auch Dateninfrastrukturen, Software-Ökosysteme, Kommunikationsnetzwerke und qualifiziertes Humankapital umfassen.

Die entscheidenden Faktoren heutiger Konflikte werden maßgeblich durch zivile Technologien, Ingenieurskapazitäten, kommerzielle Plattformen und schnelle Innovationsökosysteme geformt. Die jüngsten technologischen Vorstöße in Deutschland zeigen, welchen Multiplikatoreffekt Dual-Use-Technologien bei effektivem Einsatz haben können. Doch ebenso wichtig wie die technische Integration ist der mentale Wandel. Europas Übergang von Passivität zu einem kämpferischen Geist erfordert das Überwinden einer nicht nur technischen, sondern auch psychologischen Schwelle. Wann und wie Europa diese Barriere überwinden wird, bleibt vorerst ungewiss.