Impfen gegen HPV: Ein Virus, das Krebs auslöst

Humane Papillomviren betreffen nicht nur Frauen. Auch Männer können sich anstecken. Die sexuell übertragbare Infektion kann verschiedene Krebsarten auslösen und wird öffentlich weiterhin unterschätzt.

By Anna Engberg
Archivbild: Eine Gynäkologin setzt bei der HPV-Impfung in einer Frauenarztpraxis eine Injektion in den Oberarm einer Patientin. / dpa

Anlässlich des Weltkrebstags am Mittwoch rückt die Prävention und Früherkennung von Krebserkrankungen erneut in den Fokus. Besonders Gebärmutterhalskrebs gilt als eine Krebsart, die durch Vorsorgeuntersuchungen und Impfungen in vielen Fällen vermeidbar wäre.

In Deutschland erkrankten im Jahr 2023 rund 4.300 Frauen an Gebärmutterhalskrebs. 34 Prozent versterben im Schnitt innerhalb von fünf Jahren daran. Das ist zuviel für einen Krebs, der sich eigentlich verhindern lässt, findet Dr. Susanne Weg-Remers, Leiterin beim Krebsinformationsdienst (KID) am Deutschen Krebsforschungszentrum (DKFZ) in Heidelberg.

TRT Deutsch hat mit der Expertin gesprochen, um mehr über die sogenannten humanen Papillomviren (HPV) zu erfahren, die hinter der Erkrankung stecken. Im Interview erzählt Dr. Weg-Remers, wie HPV übertragen wird, welche bedeutende Rolle Vorsorge und Impfung spielen und warum auch Männer Verantwortung tragen und gesundheitlich betroffen sein können.

TRT Deutsch: Frau Dr. Weg-Remers, was ist HPV überhaupt?

KID: Humane Papillomviren sind mikroskopisch kleine Partikel, aus Erbmaterial und einer schützenden Eiweißhülle aufgebaut. Wie alle anderen Viren benötigen sie einen Wirt, um sich zu vermehren. Es gibt mehr als 200 verschiedene HPV-Typen. Je nach Virustyp kann eine HPV-Infektion komplett folgenlos sein, keine Beschwerden machen und von allein ausheilen.

Manche Virustypen führen zu harmlosen Warzen an Haut oder Genitalien. Die Hochrisikotypen können dagegen im Laufe der Zeit zu teils auch bösartigen Gewebeveränderungen und zu Krebs führen.

TRT Deutsch: Wie häufig sind HPV-Infektionen in Deutschland?

KID: HPV-Infektionen sind sehr häufig. Wir gehen davon aus, dass die meisten Menschen im Laufe ihres Lebens damit in Kontakt kommen, auch mit den krebsauslösenden Hochrisikotypen. Die Infektionen sind in der Regel symptomfrei und werden vom Immunsystem besiegt. Die Infizierten merken somit nichts davon. Der klassische Übertragungsweg sind Haut- und Schleimhautkontakte. Die Hochrisikotypen werden beim Geschlechtsverkehr übertragen, auch Kondome schützen hier nur begrenzt, nicht 100-prozentig.

Deutsche Studien zeigen, dass bei jungen, sexuell aktiven Frauen etwa 23 von hundert mit Hochrisiko-HPV infiziert sind. Bei den meisten heilt dies folgenfrei ab. Bei den älteren Frauen sind nur noch 6 von 100 infiziert.

„Studien zeigen: 23 von hundert jungen Frauen sind mit Hochrisiko-HPV infiziert“

Oft wissen die Betroffenen nichts von ihrer HPV-Infektion. Die Hochrisikotypen lassen sich mit einem speziellen Test nachweisen. Dieser ist seit 2020 Bestandteil des Früherkennungsprogramms für Gebärmutterhalskrebs bei Frauen ab 35. Weil die Infektion bei den jüngeren Frauen oft folgenlos abheilt, möchte man jüngere Frauen nicht unnötig beunruhigen. Im Rahmen der Früherkennung für Gebärmutterhalskrebs können Frauen zwischen 20 und 34 Jahren jedoch einmal jährlich einen PAP-Abstrich machen lassen. Dieser Test, den es seit den 70er Jahren gibt, untersucht auf veränderte Zellen am Gebärmutterhals. Bei den Frauen ab 35 Jahren machen Ärzte zusätzlich alle drei Jahre einen HPV-Test. Liegt eine HPV-Infektion vor, sind die Untersuchungsintervalle engmaschiger.

TRT Deutsch: Wann und warum entwickelt aus einer HPV-Infektion bei einigen Frauen Krebs oder eine Krebsvorstufe?

KID: Wichtig ist: Bei andauernder Infektion mit HPV-Hochrisikotypen entwickelt sich nicht immer automatisch eine Krebserkrankung. Die Viren lösen Krebs nicht in jedem Fall aus, sondern nur bei weniger als einer von 10 dauerhaft infizierten Frauen. Außerdem bilden sich zunächst Krebsvorstufen, die man mit dem Pap-Test erkennen und daraufhin behandeln kann, so dass sich gar nicht erst ein invasiver Gebärmutterhalskrebs entwickeln kann. Durch die Früherkennung mittels Pap-Abstrich ist der Gebärmutterhalskrebs somit inzwischen seltener geworden. Er ist jedoch immer noch die häufigste HPV-induzierte Krebsart.

TRT Deutsch: Gibt es ein typisches Alter für Gebärmutterhalskrebs?

KID: Es erkranken oft schon relativ junge Frauen im mittleren Alter, anders als bei anderen Krebsarten. Der Erkrankungsgipfel liegt bei 35 bis 49 Jahren. Aber auch ältere Frauen können erkranken und sollten daher weiter zur Früherkennung gehen

TRT Deutsch: Können sich auch Männer mit HPV infizieren?

KID: Ja, natürlich. Sie sind zudem häufig Überträger. Statt dem Risiko für Gebärmutterhalskrebs besteht bei ihnen die Gefahr für andere HPV-assoziierte, seltenere Tumorarten wie Penis- und Anus-Krebs sowie Krebs am Darmausgang und im Mund-Rachen-Bereich. Dies erkennt man, wenn im Tumorgewebe HPV nachgewiesen wurde.

TRT Deutsch: Wie lassen sich HPV-Infektionen zukünftig weiter eindämmen?

KID: Seit 2008 gibt es eine HPV-Impfung gegen Gebärmutterhalskrebs. Diese trägt dazu bei, dass Frauen gar nicht erst eine dauerhafte HPV-Infektion bekommen und seltener erkranken. Die Ständige Impfkommission (STiKo) empfiehlt aktuell die Impfung für Mädchen und Jungen zwischen 9 und 14 Jahren. Bis zum 18. Geburtstag kann sie auf Kosten der Krankenkassen nachgeholt werden. Einige Krankenkassen übernehmen die Kosten auch noch nach dem 18. Geburtstag.

2014 wurde die Impfempfehlung auch für Jungen ausgesprochen. Dies liegt zum einen daran, dass sie Überträger sind, zum anderen, weil sie selbst ein Erkrankungsrisiko für Penis-, Anal- und Mund-Rachen-Karzinome haben. Dass Männer auch einen Nutzen von der Impfung haben, ist in der Bevölkerung noch zu wenig bekannt.

TRT Deutsch: Wurde die Impfung bisher gut angenommen?

KID: Laut Robert-Koch-Institut sind die Impfquoten noch verbesserungsfähig: aktuell ist nur etwa die Hälfte aller 15-jährigen Mädchen und ein Drittel der Jungen in Deutschland geimpft. Das ist schade, weil die Impfung eine gute Möglichkeit ist, HPV-Infektionen und damit dem Erkrankungsrisiko vorzubeugen. Die Impfung deckt zwar nicht alle, jedoch die neun häufigsten der insgesamt 12 Hochrisikotypen ab. Es wäre wünschenswert, wenn noch mehr Kinder und Jugendliche geimpft würden.

TRT Deutsch: Wie kann man die Impfquote und Impfbereitschaft bei HPV in Deutschland verbessern?

KID: Hier werden aktuell auf gesundheitspolitischer Ebene verschiedene Ansätze diskutiert. Stellschrauben sind z. B. Schulimpfangebote, die Jugend-Untersuchungen J1 und J2 und eine allgemein bessere Aufklärung in der Bevölkerung. Viele Eltern lehnen Impfungen auf Grund von Fehlinformationen und Ängsten ab. Die HPV-Impfung wird jedoch gut vertragen und schützt Mädchen wie Jungen vor den häufigsten Hochrisiko-HPV-Typen sowie den Typen 6 und 11, welche unangenehme Genitalwarzen auslösen.

Weil die HPV-Impfung nicht gegen alle Hochrisiko-HPV wirkt, wird auch den geimpften Frauen die Teilnahme an der Gebärmutterhalskrebs-Früherkennung empfohlen. Mit der Kombination aus Impfung plus Früherkennung könnte man praktisch alle Fälle an Gebärmutterhalskrebs, insbesondere die Todesfälle, weitgehend verhindern. Im Vergleich zu den Vorjahren hat die Anzahl an Frauen mit diagnostizierten Gebärmutterhalskrebs bereits leicht abgenommen: von 4.700 Fällen im Jahr 2021 zu 4.300 Fällen im Jahr 2023. Vor 25 Jahren betrug die Zahl der Neuerkrankungen pro Jahr noch rund 6.000. Zu Zeiten ohne Früherkennung waren die Zahlen sogar noch höher.

TRT Deutsch: Hilft die HPV-Impfung auch bei bereits infizierten Frauen?

KID: Dazu gibt es wenige Daten. Studien testen zur Zeit, ob auch ungeimpfte Frauen mit HPV-induzierten Befunden noch von der Impfung profitieren können. Die Zulassungsstudien wurden jedoch an jüngeren Kindern gemacht. Der Einsatz der Impfung bei HPV-positiven Frauen ist noch nicht gut untersucht.

TRT Deutsch: Wie sind die Heilungschancen bei Gebärmutterhalskrebs?

KID: Diese sind sehr gut. Laut RKI liegt die 5-Jahres-Überlebensrate bei etwa 66 Prozent. Es ist somit kein Krebs, der in jedem Fall ein Todesurteil ist, aber es sterben eben doch 34 Prozent der Erkrankten daran. Das ist zuviel für einen Krebs, der sich eigentlich verhindern ließe.

TRT Deutsch: Welche Behandlungsmöglichkeiten gibt es, wenn Vorstufen für Gebärmutterhalskrebs vorliegen?

KID: Die häufiger vorkommenden Krebsvorstufen können gut behandelt werden. Es gibt sie in unterschiedlichen Schweregraden. Bei den leichten Vorstufen beobachtet man zunächst nur und kontrolliert engmaschig. Teils entwickeln sich die Befunde weiter, teils bilden sie sich sogar zurück. Erst wenn die Gewebeveränderung höhergradig wird, muss man die Krebsvorstufen operativ entfernen: Dieser kleine Eingriff nennt sich Konisation. Dabei wird ein kegelförmiger Ausschnitt mit den erkrankten Zellen vom Gebärmutterhals operativ entfernt. Der Eingriff kann natürlich Komplikationen verursachen und ist vor allem dann nicht optimal, wenn die Frau noch einen Kinderwunsch hat. Nach der Konisation ist das Risiko für vorzeitige Wehen und Frühgeburten erhöht.

TRT Deutsch: Wie wird der Gebärmutterhalskrebs selbst behandelt?

KID: Die Behandlung ist abhängig vom Stadium: Wie weit hat sich der Gebärmutterhalskrebs ausgebreitet? Will die Frau noch Kinder bekommen und befindet sie sich vor oder nach den Wechseljahren? Auch die Lage des Tumors spielt eine Rolle für die Behandlungsplanung. Ist der Tumor auf den Gebärmutterhals und den oberen Teil der Scheide örtlich begrenzt, empfehlen die meisten Ärzte eine Operation. Dabei wird die Gebärmutter, der Gebärmutterhals und mögliches befallenes Scheidengewebe entfernt. Oft entfernen die Ärzte auch Lymphknoten, um über die weitere Behandlung zu entscheiden. Bei Frauen nach den Wechseljahren entnehmen die Ärzte möglicherweise Eileiter und Eierstöcke, weil dort ein geringes Metastasen-Risiko besteht. Bei jüngeren Patientinnen erhält man diese Organe.

TRT Deutsch: Wie geht es im Anschluss weiter?

KID: Besteht auf Grund der entnommenen Gewebe ein erhöhtes Rückfallrisiko, erhalten Betroffene zusätzlich zur OP meist eine Kombination aus Chemo- und Strahlentherapie, seltener auch nur eine Strahlentherapie. Bei jungen Frauen mit Kinderwunsch und kleinem Tumor entfernt man mitunter nur einen Teil der Scheide und des Gebärmutterhalses. Das geht jedoch nur, wenn der Tumor noch nicht zu weit fortgeschritten und in Nachbargewebe und Organe eingewachsen ist.

Ist dies bereits der Fall, erhalten die meisten Patientinnen eine Strahlen- und Chemotherapie in Kombination. Einige Frauen mit ausgedehnten Tumoren können auch operiert werden. Dabei werden weitere befallene Gewebe und Organe entfernt. Eine langfristige Heilung ist dann jedoch unwahrscheinlich. Die Therapiemöglichkeiten beschränken sich dann auf ein Aufhalten des Tumorwachstums bei gleichzeitigem Erhalt der Lebensqualität. Sind sogar Metastasen vorhanden, werden die Therapien in der Regel noch individueller und komplexer – von der Immuntherapie bis zu zielgerichteten Medikamenten.

TRT Deutsch: Vielen Dank für das Gespräch.

Der Krebsinformationsdienst (KID) ist eine Abteilung des Deutschen Krebsforschungszentrums, die das Wissen der Krebsforschung für die Öffentlichkeit zugänglich macht. Jeder, der Fragen zu Krebs hat, kann sich individuell per Telefon und E-Mail an die ärztliche Beratung beim KID wenden. Genutzt wird der Dienst vor allem von betroffenen Patienten und Angehörigen. Pro Jahr beantworten die 75 Mitarbeiter rund 25.000 Anfragen. Die vom KID vermittelten Informationen stammen ausschließlich aus wissenschaftlichen, evidenzbasierten und aktuellen Quellen. Weitere Kommunikationskanäle sind Broschüren und Online-Veranstaltungen. www.krebsinformationsdienst.de