Merz in Indien: Zeichen eines realpolitischen Kurswechsels

Friedrich Merz setzt mit seiner Reise nach Neu-Delhi ein bewusstes Signal. Weg von moralischer Außenpolitik mit begrenzter Wirkung, hin zu strategischer Interessenpolitik in einer fragmentierten Welt.

By Prof. Uli Brückner
Narendra Modi (r), Premierminister von Indien, und Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) geben eine gemeinsame Pressekonferenz. / Foto: dpa / DPA

Der Besuch von Friedrich Merz in Indien markiert mehr als nur einen protokollarischen Antrittsbesuch des neuen Bundeskanzlers. Es ist das Signal für einen Paradigmenwechsel in der deutschen Außen- und Wirtschaftspolitik in Zeiten, in denen es kaum an Veränderung und Überraschungen mangelt.

Während seine Vorgänger Angela Merkel und Olaf Scholz in ihren Beziehungen zu Asien stark auf China fokussiert waren, setzt Merz bewusst einen anderen Akzent: Indien rückt ins Zentrum einer diversifizierten und zukunftsorientierten Strategie. Das bedeutet keinen Rückzug aus China, aber einen weiteren Schritt einer De-Risking Strategie, die asymmetrische Abhängigkeiten abzubauen versucht.

Risiken abbauen

Die vergangenen zwei Jahrzehnte deutscher Wirtschaftspolitik waren von einer gefährlichen asymmetrischen Abhängigkeit geprägt. China entwickelte sich zum wichtigsten Handelspartner, insbesondere große deutsche Unternehmen investierten Milliarden in den chinesischen Markt, ganze Industriezweige richteten ihre Lieferketten nach Fernost aus. Diese einseitige Ausrichtung hat Deutschland verwundbar gemacht – politisch, wirtschaftlich und strategisch.

Das De-Risking gegenüber China ist keine antichinesische Politik, sondern eine Notwendigkeit wirtschaftlicher und sicherheitspolitischer Vernunft. Die zunehmend autokratische Ausrichtung unter Xi Jinping, die Nulltoleranz-Politik während der Pandemie, die Spannungen um Taiwan und die enge Allianz mit Russland haben deutlich gemacht, wie riskant eine zu starke Konzentration auf einen einzigen Partner ist.
Die Reise von Merz nach Indien ist daher auch eine Antwort auf diese Risiken: eine strategische Neuausrichtung, die Deutschlands wirtschaftliche Souveränität stärkt.

Indien bietet sich als Partner für diese Diversifizierung besonders an. Mit über 1,4 Milliarden Menschen, einem dynamischen Wirtschaftswachstum von rund sechs bis sieben Prozent jährlich und einer zunehmend digital vernetzten Gesellschaft ist das Land ein Markt mit enormem Potenzial. Dennoch steht Indien bislang nur auf Platz 26 der wichtigsten deutschen Handelspartner – eine eklatante Diskrepanz zwischen Möglichkeit und Wirklichkeit, die dringend von einem Kanzler korrigiert werden will, dem es vor allem um ein Wiedererstarken der deutschen Wirtschaft geht.

Das ungenutzte Potenzial der größten Demokratie

Das Handelsvolumen zwischen Deutschland und Indien liegt bei etwa 30 Milliarden Euro jährlich – zum Vergleich: Mit China sind es mehr als 250 Milliarden Euro. Diese Zahlen deuten an, wie unterentwickelt die deutsch-indische Wirtschaftspartnerschaft noch ist. Dabei könnte eine Intensivierung beiden Seiten erhebliche Vorteile bringen.

Für deutsche Unternehmen öffnet sich in Indien ein Zukunftsmarkt. Das sieht auch die EU so, die intensiv am Abschluss eines Freihandelsabkommens arbeitet. Die wachsende Mittelschicht, geschätzt auf mehrere hundert Millionen Menschen, hat einen steigenden Bedarf an hochwertigen Produkten und Dienstleistungen. Die indische Regierung unter Premierminister Modi hat mit Initiativen seit 2014 wie „Make in India“ und massiven Investitionen in Infrastruktur und Digitalisierung attraktive Rahmenbedingungen geschaffen. Gleichzeitig sucht Indien selbst nach Technologie- und Wissenstransfer, gerade in Bereichen wie Maschinenbau, Automobilindustrie, erneuerbare Energien und Umwelttechnologie – Felder, in denen Deutschland traditionell stark ist.

Der Besuch von Merz ist daher nicht nur Symbolik, sondern zielt darauf, konkrete Projekte anzustoßen: gemeinsame Infrastrukturvorhaben, Technologiepartnerschaften, Zusammenarbeit beim Klimawandel, erleichterte Investitionsbedingungen und den Abbau bürokratischer Hürden. Es geht darum, aus dem Potenzial Realität werden zu lassen.

Arbeitskräfte für Deutschland: Eine Win-Win-Situation

Deutschland steht vor großen demografischen Veränderungen. Der Fachkräftemangel bedroht nicht nur die Wettbewerbsfähigkeit der Wirtschaft, sondern auch die Funktionsfähigkeit grundlegender Bereiche wie Gesundheit und Pflege. In der Digitalisierung, in Krankenhäusern und Pflegeheimen fehlen Zehntausende qualifizierte Mitarbeiter. Indien könnte hier eine entscheidende Rolle spielen, wenn die deutsche Gesellschaft so offen und integrationsfähig bleibt, wie sie es in guten Zeiten im Stande war.

Indien verfügt über eine junge, gut ausgebildete Bevölkerung. Jährlich verlassen Millionen Absolventen die Universitäten, viele davon mit Abschlüssen in Informatik, Ingenieurwesen, Medizin und Naturwissenschaften. Indische IT-Spezialisten sind weltweit gefragt, indische Ärzte und Pflegekräfte arbeiten in zahlreichen westlichen Ländern. Die Sprachbarriere ist vergleichsweise gering: Englisch ist in Indien weit verbreitet, und viele junge Inder sind lernbereit und mobil.

Eine strategische Partnerschaft zur Fachkräftegewinnung würde beiden Ländern nutzen. Deutschland könnte seine Personallücken schließen, Indien würde Perspektiven für seine jungen Menschen schaffen und von Rücküberweisungen sowie Wissenstransfer profitieren. Merz sollte in Delhi konkrete Abkommen zur erleichterten Anerkennung von Abschlüssen, zur Visavergabe und zu Sprachförderungsprogrammen vorantreiben. Eine solche Initiative wäre ein sichtbares Zeichen für eine neue, pragmatische Partnerschaft. Viele dieser Argumente galten aber auch schon zu Beginn des Jahrtausends, als ein CDU-Ministerpräsident eine Landtagswahl mit dem Slogan gewinnen konnte: Kinder statt Inder.

Ein anderer Ton in der Außenpolitik

Der Besuch des Bundeskanzlers in Indien steht auch symbolisch für einen Stilwechsel in der deutschen Außenpolitik. Während Merkel und Scholz in ihrer Asienpolitik häufig zurückhaltend agierten und sich stark an Werten, Menschenrechtsfragen und moralischen Appellen orientierten, setzt Merz auf Realpolitik und strategische Interessen. Die nationalistische Agenda von Indiens Premierminister Narendra Modi und ihre Folgen für alle Nicht-Hindus ist beispielsweise kein Thema. Das bedeutet nicht, dass Werte gar keine Rolle spielen – aber sie werden eingebettet in eine nüchterne Analyse dessen, was für Deutschland und Europa notwendig und vorteilhaft ist, nicht nur was wünschenswert erscheint, folgenlos bleibt, aber zu Hause gut klingt.

Dieser pragmatische Ansatz zeigt sich besonders im Umgang mit Indiens eigener Außenpolitik. Denn Indien ist kein unkomplizierter Partner. Das Land hat eine enge Beziehung zu Russland, kauft weiterhin im großen Stil russisches Öl und hat sich in der UN-Vollversammlung bei Abstimmungen über den Ukraine-Krieg häufig der Stimme enthalten. Zudem ist Indien Mitglied der BRICS-Staaten, einer Gruppierung, die explizit ein Gegengewicht zur westlichen Dominanz schaffen und eine alternative Weltordnung etablieren will.

Für Deutschland und Europa ist diese Position Indiens herausfordernd. Doch anstatt Delhi zu moralisieren und zu isolieren, verfolgt Merz einen pragmatischen Kurs. Indien hat historische Bindungen an Russland, die bis in die Zeit des Kalten Krieges zurückreichen. Moskau war über Jahrzehnte der wichtigste Waffenlieferant, und die sicherheitspolitischen Interessen Indiens – insbesondere gegenüber Pakistan und China – sind eng mit dieser Beziehung verknüpft. Eine sofortige Abkehr von Russland zu fordern, ist unrealistisch und würde Delhi nur von Europa entfernen.

BRICS: Kein monolithischer Block

Die BRICS-Gruppe wird im Westen oft als Bedrohung wahrgenommen, als Versuch, die regelbasierte internationale Ordnung zu untergraben. Doch diese Sichtweise greift zu kurz. BRICS ist keine feste Organisation mit einheitlicher Agenda, sondern ein loses Forum sehr unterschiedlicher Staaten, die jeweils ihre eigenen nationalen Interessen verfolgen. Brasilien, Russland, Indien, China und Südafrika – sowie die neuen Mitglieder – haben teilweise diametral entgegengesetzte Positionen, etwa in Grenzkonflikten zwischen Indien und China oder in wirtschaftspolitischen Fragen.

Für viele Länder des Globalen Südens repräsentiert BRICS den legitimen Wunsch nach mehr Mitsprache, nach einer funktionierenden Weltordnung, die nicht nur die Kräfteverhältnisse nach 1945 widerspiegelt. Indien nutzt diese Plattform pragmatisch für seine eigenen Interessen, ohne sich dabei an eine antiwestliche Agenda binden zu lassen.

Ein kluger deutscher Ansatz sollte diese Differenzierung erkennen und nicht den Fehler machen, BRICS als geschlossenen Gegnerblock zu betrachten. Stattdessen gilt es, die Zusammenarbeit mit Indien zu intensivieren und dessen Perspektiven zu verstehen. Indien ist die größte Demokratie der Welt, teilt viele grundlegende Werte mit dem Westen und hat eigene erhebliche Spannungen mit China. Es ist ein natürlicher Partner – wenn der Westen bereit ist, Indien auf Augenhöhe zu begegnen und dessen strategische Autonomie zu respektieren.

Merz versucht hier neue Wege zu gehen und einen Dialog auf Basis gemeinsamer Interessen zu führen: bei Klimaschutz, wirtschaftlicher Entwicklung, Fachkräfterekrutierung, Sicherheitspolitik im Indo-Pazifik und der Reform internationaler Institutionen wie der UN.

Realpolitik in einer sich verändernden Welt

Friedrich Merz' Besuch in Indien ist ein Schritt. Deutschland muss seine wirtschaftlichen und strategischen Abhängigkeiten diversifizieren, neue Märkte erschließen und Partnerschaften aufbauen, die auf gemeinsamen Interessen basieren. Indien bietet all das: ein enormes Wirtschaftspotenzial, qualifizierte Arbeitskräfte, eine demokratische Grundordnung und eine strategisch wichtige Rolle in Asien.

Die Bundesregierung hat die Chance, die deutsch-indische Partnerschaft auf eine neue Ebene zu heben – pragmatisch, interessengeleitet und ohne moralische Überheblichkeit. Das bedeutet auch, Indiens eigene außenpolitische Position zu akzeptieren, seine Beziehungen zu Russland und seine Rolle in den BRICS nüchtern einzuordnen und dennoch die Zusammenarbeit zu vertiefen.

Die Welt ist unübersichtlicher geworden. Deutschland muss lernen, in dieser neuen Realität zu navigieren. Der Besuch von Merz in Indien könnte der Anfang dieses notwendigen Kurswechsels sein.