20. Todestag von NSU-Opfer Halit Yozgat

Halit Yozgat ist das neunte Mordopfer des NSU. Auch 20 Jahre nach der Tat bleibt vieles ungeklärt.

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Foto: Swen Pförtner/dpa / DPA

Der damals 21-jährige Halit Yozgat ist vor 20 Jahren bei einem rassistisch motivierten Schusswaffenangriff getötet worden. Er war das neunte und das letzte bekannte Opfer der Terrorzelle Nationalsozialistischer Untergrund (NSU). Auch in diesem NSU-Fall bleiben viele Fragen unbeantwortet.

Yozgat wurde am 6. April 2006 kurz nach 17 Uhr in seinem Internetcafé in Kassel durch zwei Kopfschüsse ermordet. Nur zwei Tage zuvor war Mehmet Kubaşık in Dortmund erschossen worden – mit derselben Pistole der tschechischen Marke Česká. Seit Oktober 2012 erinnert der Halitplatz an der Holländischen Straße in Kassel an das letzte NSU-Opfer.

Wer hat Yozgat ermordet?

Der Täter ist weiter unbekannt. Die Onlineplattform „Exif Recherche“ gibt unter anderem den Ex-Neonazi M. K. als Verdächtigen an. Er soll zwei Häuser von Yozgats Internetcafé entfernt gewohnt haben. Die Polizei habe ihn jedoch nicht vernommen. 2006 sei die Polizei bei den Mordermittlungen im Fall Yozgat auf den Neonazi Markus H. gestoßen. Er soll der mutmaßliche Helfer und Waffenlieferant im Mordfall des Kasseler Regierungspräsidenten Walter Lübcke gewesen sein.

Markus H. informierte sich laut „Exif Recherche“ auffällig häufig im Internet über den Mordfall Yozgat. Bei seiner Befragung habe Markus H. damals angegeben, Yozgat über einen engen Freund kennengelernt zu haben. Zu seinen rechtsextremistischen Aktivitäten hätten die Beamten jedoch keine Fragen gestellt. 

Zudem habe Corryna Görtz aus der militanten Neonaziszene im hessischen NSU-Untersuchungsausschuss ausgesagt, kurze Zeit vor dem Mord mehrfach das Internetcafé von Yozgat aufgesucht zu haben. Auch hier sei nicht weiter ermittelt worden, berichtet „Exif Recherche“.

Was wusste Ex-Verfassungsschützer Temme?

Andreas Temme, ein ehemaliger Mitarbeiter des hessischen Verfassungsschutzes, war zum Tatzeitpunkt oder kurz davor im Internetcafe von Yozgat anwesend. Temme will aber weder einen Schuss gehört, noch den Mord bemerkt haben. Sechsmal wurde Temme im NSU-Prozess befragt. Seine Aussagen bleiben umstritten.

Ein Forscherteam aus London rekonstruierte später den Tathergang. Die Auswertung kommt zum Ergebnis, dass Temme den Schuss gehört und den am Boden liegenden Yozgat bemerkt haben muss.

Der NSU-Terror

Die rechtsextremistische Zelle Nationalsozialistischer Untergrund (NSU) verübte insgesamt zehn Morde, zwei Bombenanschläge und mehr als ein Dutzend Überfälle. Ihre Opfer waren neun Gewerbetreibende türkischer und griechischer Herkunft sowie eine deutsche Polizistin. Die NSU-Täter Uwe Böhnhardt und Uwe Mundlos entzogen sich im November 2011 durch Suizid einer drohenden Festnahme nach einem Raubüberfall in Eisenach.

Die Enttarnung des NSU-Komplexes löste in Deutschland eine bis heute andauernde Debatte über Rassismus und das Versagen der Sicherheitsbehörden aus. Denn der Rechtsterror wurde lange Zeit als mögliches Tatmotiv außer Acht gelassen. In diesem Zusammenhang gerieten die Behörden selbst ins Visier der Ermittler.

Zschäpe versandte anschließend eine Reihe von Bekennerschreiben, mit denen sich der NSU selbst enttarnte. Sie wurde 2018 im Münchner NSU-Prozess zu einer lebenslangen Haftstrafe verurteilt, außerdem stellte das Oberlandesgericht die besondere Schwere der Schuld fest.