Jürgen Klopp hat seine ersten vier Spiele als Bundestrainer hinter sich. Bei der Vorstellung seines ersten Kaders im September standen zunächst Fußball, Spielphilosophie und der Aufbau einer Mannschaft für die kommenden Jahre im Mittelpunkt. Insgesamt 44 Namen standen auf seiner Liste. Doch Klopp beließ es nicht beim Sportlichen. Er sprach über die Deutschland-Flagge, über „positiven Patriotismus“ und über die Frage, wem diese Begriffe eigentlich gehören.
„Ich möchte Nationalstolz nicht den falschen Leuten überlassen“, sagte Klopp auf der Pressekonferenz im September in Frankfurt am Main. „Ich würde mir oder uns gerne die Fahne zurückholen, wenn ich ganz ehrlich bin“, fuhr er fort. Er wünsche sich, dass das Schwenken der Deutschlandfahne nicht zu Irritationen führe, sondern als Ausdruck von Glück und Dankbarkeit verstanden werde.
Kurz zuvor hatte die AfD in Sachsen-Anhalt einen historischen Wahlsieg erzielt. Offenbar als Anspielung darauf sagte Klopp zudem: „Es hat eine Wahl stattgefunden, die manche Leute wahrscheinlich okay fanden. Viele andere haben gedacht: ‚Du lieber Himmel, was passiert denn da?‘“
Wem gehört Schwarz-Rot-Gold?
Klopp stieß damit zugleich eine Debatte um Identität und Nationalstolz an. Ist es als Deutscher ok, Nationalstolz zu empfinden? Und wann ist man eigentlich deutsch?
Laut Grundgesetz ist man ein Deutscher, wenn man die deutsche Staatsangehörigkeit besitzt. Dazu bekennt sich auch die AfD – zumindest auf dem Papier. Doch die Rhetorik von AfD-Vertretern klingt oftmals anders, aufgeladen mit völkischen Elementen.
Unterschieden wird zwischen „biologischen“ Deutschen und Deutschen mit Migrationsgeschichte, die immer wieder als „Passdeutsche“ abgewertet werden. Das Deutschsein definiert sich für AfD-Ideologen vorrangig durch Abstammung und eine kulturelle Identität, die sie mit dem Konzept der „deutschen Leitkultur“ ausfüllen. Damit stellt sie sich die AfD gegen die kulturelle Vielfalt in Deutschland und versteht sich als Vorkämpferin gegen den Multikulturalismus. Die Deutschland-Flagge gilt dabei als Identifikationssymbol.
Diametral dazu steht das linksgrüne Lager, das sich vor allem wegen der NS-Vergangenheit mit einem Stolz auf das Deutschsein schwertut. Doch wieso kann man nicht trotzdem zumindest auf das eigene Verständnis des Deutschseins stolz sein?
Klopp sieht darin kein Problem: „Kann man stolz darauf sein, Deutscher zu sein und trotzdem offen und trotzdem vielfältig und trotzdem nett, freundlich? Kann man Mitgefühl haben? Kann man all diese Dinge haben? Ich bin hundertprozentig sicher, ja.“
Wie „deutsch“ ist die Nationalelf?
Dieser gesellschaftliche Kulturkampf um das Deutschsein projiziert sich auch auf die Nationalelf, in der mehr als 50 Prozent der Spieler einen Migrationshintergrund besitzen.
Nach dem holprigen Start in die UEFA Nations League entbrannte in den sozialen Medien erneut eine teils rassistisch geführte Diskussion über die Zusammensetzung der deutschen Nationalmannschaft. Im Visier standen neue Gesichter im Kader wie Bambasé Conté, Younes Ebnoutalib, Saïd El Mala, Mika Baur oder Derry Scherhant.
Nach der Niederlage gegen Griechenland wurde die Mannschaft von einigen Nutzern als „nicht deutsch genug“ oder „nicht weiß genug“ kritisiert. Die „Sportschau“ löschte nach eigenen Angaben knapp 1.000 rassistische Kommentare. Klopp bezeichnete die Anfeindungen als „Wahnsinn“.
Die Diskussion ist nicht neu. Spätestens mit Mesut Özil bekam sie eine enorme politische Dimension. Der in Gelsenkirchen geborene und in Deutschland aufgewachsene türkischstämmige Mittelfeldspieler absolvierte 92 Länderspiele für die deutsche Nationalmannschaft. 2014 gehörte er zum Weltmeisterteam.
Özils sportliche Leistungen für Deutschland sind unbestritten. Doch ein gemeinsames Foto mit dem türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdoğan vor der WM 2018 sollte ihm zum Verhängnis werden. Es folgten Hasskommentare und mediale Hetzkampagnen, die Özils Loyalität zu Deutschland infrage stellten. 2018 gab er seinen Rücktritt aus der Nationalmannschaft bekannt. Vom DFB fühlte er sich im Stich gelassen und sprach von Rassismus.
Rassistische Anfeindungen zeigten sich auch bei der WM 2026: Nach dem Ausscheiden Deutschlands gegen Paraguay wurde Jonathan Tah, der im Elfmeterschießen versagt hatte, in sozialen Medien zum Sündenbock erklärt. Auch Kai Havertz und Nick Woltemade hatten ihre Elfmeter nicht verwandelt. Doch der öffentliche Zorn richtete sich vor allem auf Tah, dessen Vater aus der Elfenbeinküste stammt.
Auch der Eklat um Antonio Rüdiger führt vor Augen, wie schnell sich die Debatte um die Nationalmannschaft vom Sportlichen ins Gesellschaftliche verschiebt. Im März 2024 hatte Rüdiger zum Beginn des Fastenmonats Ramadan ein Foto in den sozialen Medien veröffentlicht, auf dem er den islamischen Tauhid-Finger zeigte. Der erhobene Zeigefinger ist im Islam das traditionelle Symbol für den Glauben an die Einzigkeit und Einheit Gottes. Daraufhin rückten ihn einige sogar in die Nähe der Terrormiliz Daesch.
Zu beobachten ist ein gängiges Muster: Sofern Spieler mit Migrationsgeschichte erfolgreich sind, werden sie gefeiert. Lässt der Erfolg nach, werden sie angefeindet. Zudem werden immer wieder Ressentiments gegen den Islam sichtbar, indem religiöse Symbole und Bräuche politisiert werden, um die Zugehörigkeit dieser Spieler zum eigenen Land infrage zu stellen. Die Nationalmannschaft bleibt damit ein Brennglas für die ungelösten Identitätsdebatten.
Der „Kloppsche“ Ansatz
Klopps Plädoyer für Vielfalt und gegen Rassismus steht den völkischen Vorstellungen der AfD konträr. Angesichts des spürbaren Rechtsrucks in der Gesellschaft besitzen seine Worte zudem eine starke Symbolkraft. Sie beschreiben keineswegs eine Utopie, denn das „Sommermärchen“, also die WM 2006, bildet den exakten Gegenpol zu den heutigen Debatten. Damals standen der Fußball und die Nationalmannschaft sinnbildlich für gelungene Integration, getragen von einem ungezwungenen Party-Patriotismus. Schwarz-Rot-Gold wurde unverkrampft zelebriert, frei von politischem Nationalismus. Wieso sollte das nicht auch heute wieder möglich sein?



























