Neue Wirtschaftspolitik: Zwischen Washington und Asien
Zwischen US-Zolldruck, Chinas wachsender Marktmacht und neuen Partnerschaften in Asien suchen Deutschland und Europa nach wirtschaftlicher Stabilität. Ist dies der Beginn eines strategischen Kurswechsels?
Deutschland und Saudi-Arabien haben eine umfassende Absichtserklärung zur Zusammenarbeit in den Bereichen Energie, grüner Wasserstoff, Künstliche Intelligenz und Industrie unterzeichnet. Zugleich weisen die von Bundesaußenminister Johann Wadephul ausgehenden Kontakte, die von Singapur ausgehend nach Südostasien und in den Pazifikraum reichen, auf eine bemerkenswerte Dynamik in der wirtschaftlichen Ausrichtung Europas hin. Die Positionierung Rostocks als neuer Knotenpunkt für grünen Wasserstoff oder die erneute Diskussion über eine Freihandelsperspektive mit der ASEAN-Gruppe mögen für sich genommen wie sektorale und technische Entwicklungen erscheinen. In ihrer Gesamtheit betrachtet spiegeln diese Schritte jedoch die Suche der Europäischen Union nach einer Neudefinition ihres Verhältnisses zur globalen Wirtschaftsordnung wider.
Eines der greifbarsten Beispiele für diese Suche ist das am 27. Januar 2026 unterzeichnete Freihandelsabkommen zwischen der Europäischen Union und Indien. Dass Verhandlungen, die sich über rund 19 Jahre hingezogen, mehrfach festgefahren und zeitweise kurz vor dem Scheitern gestanden hatten, nun in diesem Tempo abgeschlossen wurden, ist kein Zufall. Die zunehmenden Zollandrohungen der USA gegenüber Indien sowie Chinas dominante Rolle in den globalen Lieferketten drängten Brüssel und Neu-Delhi zu einem lange aufgeschobenen Kompromiss. Das Abkommen zeigt, dass Europa nicht nur nach neuen Märkten sucht, sondern zugleich bemüht ist, geopolitische Risiken im globalen Handel ausgewogener zu verteilen.
In diesem Zusammenhang ist auch die Einschätzung der Präsidentin der Europäischen Kommission, Ursula von der Leyen, von Bedeutung. Nach ihren Worten sei diese neue Zusammenarbeit mit Ländern auf der ganzen Welt nicht nur eine wirtschaftliche Notwendigkeit, sondern auch eine Botschaft an die internationale Gemeinschaft. Nach Auffassung von von der Leyen stellt das EU-Indien-Freihandelsabkommen ein „europäisches Modell“ dar, das den zunehmend protektionistischen Handelspolitiken der USA entgegentritt und zugleich belegt, dass Freihandel weiterhin funktionieren kann.
Warum der Kanzler an den Golf reist – Interessen, Erwartungen und Kritik
Vor diesem Hintergrund ist auch die Reise von Bundeskanzler Friedrich Merz in die Golfregion einzuordnen. Sein Besuch in Saudi-Arabien, Katar und den Vereinigten Arabischen Emiraten erfolgt nicht isoliert, sondern reiht sich in eine auffällige Verdichtung deutscher Regierungsreisen an den Golf ein. Begleitet von einer großen Wirtschaftsdelegation will Merz ausloten, wie Handels-, Investitions- und Exportmöglichkeiten in beide Richtungen ausgebaut werden können. Für Berlin geht es dabei vor allem um Energiefragen – Flüssiggas, grünen Wasserstoff aus Wind- und Sonnenenergie – sowie um den Zugang zu kapitalstarken Investoren, um Abhängigkeiten nicht nur von Russland, sondern zunehmend auch von den USA zu reduzieren.
Gleichzeitig verfolgt die Bundesregierung das Ziel, deutsche Industrie- und Spitzentechnologie stärker in den Modernisierungsplänen der Golfstaaten zu verankern. Saudi-Arabien etwa sucht angesichts sinkender Ölpreise und im Rahmen seiner „Vision 2030“ gezielt nach Wegen, Wirtschaft und Gesellschaft zu diversifizieren. Mehr als 800 deutsche Unternehmen sind bereits im Königreich aktiv, zunehmend auch mittelständische Firmen, die lokale Wertschöpfung aufbauen. Für die Regierung in Berlin ist der Golf damit nicht nur Energielieferant, sondern ein dynamischer Wachstumsraum in einer Phase, in der klassische Absatzmärkte unter Druck geraten.
Die Reise des Kanzlers ist jedoch nicht unumstritten. Menschenrechtsorganisationen wie Amnesty International kritisieren, dass wirtschaftliche Kooperationen mit autoritären Regimen erneut Vorrang vor der konsequenten Einforderung „universeller Menschenrechte” erhalten könnten. Amnesty verweist unter anderem auf die hohe Zahl von Hinrichtungen in Saudi-Arabien sowie auf die systematische Unterdrückung von „Meinungsfreiheit”. Auch die Rolle der Vereinigten Arabischen Emirate in regionalen Konflikten, etwa durch Waffenlieferungen, wird scharf kritisiert. Vertreter von Union und SPD halten dem entgegen, dass wirtschaftliche Zusammenarbeit, sicherheitspolitische Interessen und diplomatischer Einfluss gerade in der Golfregion zusammengedacht werden müssten – nicht zuletzt mit Blick auf die Spannungen im Nahen Osten, den Iran und regionale Stabilität. Die Merz-Reise wird damit zu einem Prüfstein für Deutschlands Anspruch, wirtschaftliche Neuorientierung, geopolitische Interessen und normative Werte miteinander in Einklang zu bringen.
US-Hegemonie: Eine bewusste Entscheidung, eine stille Arbeitsteilung
Auch wenn Europas Abhängigkeit von den Vereinigten Staaten heute häufig kritisiert wird, war sie über viele Jahre hinweg das Ergebnis einer bewussten Entscheidung. Nach dem Ende des Kalten Krieges übernahmen die USA die hohen Kosten für Verteidigung, Nachrichtendienste, Hochtechnologie und die globale Finanzarchitektur, während Europa seine Ressourcen auf industrielle Modernisierung, den Ausbau des Sozialstaates und die Steigerung des Wohlstands konzentrierte. Insbesondere Deutschland, aber auch andere europäische Länder, beschleunigten dank dieser Arbeitsteilung ihr wirtschaftliches Wachstum und festigten ihre politische Stabilität.
Diese Ordnung war keine „Unterwerfung“, sondern ein Gleichgewicht, in dem sich gegenseitige Interessen überlappten. Europa stärkte seine Industrie unter dem Sicherheitsschirm der USA und blieb durch die Nutzung amerikanischer Technologie- und Finanzinfrastrukturen ein starker Akteur im globalen Handel. Dieses Modell war jedoch das Produkt einer Phase, in der die Vereinigten Staaten ihre Verbündeten als strategische Partner betrachteten und ihre globale Führungsrolle nicht infrage stand.
Heute haben sich die Rahmenbedingungen verändert. Insbesondere in der Ära Trump wandelten die USA Handel, Technologie und Finanzinstrumente offen zu geopolitischen Druckmitteln. Zölle, Sanktionen, technologische Beschränkungen und regulatorische Eingriffe machten für Europa die Kosten dieser Ordnung sichtbar.
Steigende Kosten: Neue Suchbewegungen in Handel, Energie und Industrie
Das Freihandelsabkommen zwischen der EU und Indien ist eine direkte Folge dieser Kosten. Es sieht vor, dass auf 96,6 Prozent der Waren mit EU-Ursprung die Zölle entweder vollständig abgeschafft oder auf symbolische Niveaus gesenkt werden. Europäische Unternehmen sollen dadurch jährlich rund vier Milliarden Euro an Zollkosten einsparen, während sich die EU-Exporte nach Indien bis 2032 voraussichtlich verdoppeln werden. Die schrittweise Senkung von Zöllen von bis zu 110 Prozent auf 10 Prozent im Automobilsektor ist insbesondere für deutsche Hersteller von strategischer Bedeutung.
Geplante Zollsenkungen in den Bereichen Maschinenbau, Chemie, Luftfahrt und Landwirtschaft stärken die industrielle Dimension des Abkommens. Zugleich zielt der Mobilitätsrahmen darauf ab, mit der erleichterten Zuwanderung indischer Fachkräfte dem Arbeitskräftemangel in Europa zu begegnen und so auch demografische und wirtschaftliche Herausforderungen abzufedern. Nach Berechnungen des Kiel Instituts für Weltwirtschaft könnte das Abkommen das Bruttoinlandsprodukt beider Seiten jährlich um 0,13 Prozent erhöhen.
Eine ähnliche Logik liegt auch der Energie- und Industriepartnerschaft Deutschlands mit Saudi-Arabien zugrunde. Grüner Wasserstoff gilt als Schlüssel für die Zukunft der europäischen Industrie, und die Hinwendung zu nicht-amerikanischen Quellen gewinnt aus Sicht der Energiesicherheit strategische Bedeutung. Die Öffnung Richtung Singapur und ASEAN wiederum ist Ausdruck des Bedarfs nach berechenbaren, regelbasierten und multilateralen Handelsbeziehungen.
Europas Potenzial und die strategische Rolle von Türkiye
All diese Entwicklungen bedeuten nicht, dass Europa an Stärke verliert. Die Europäische Union ist nach wie vor einer der größten Wirtschaftsräume der Welt und verfügt über eine hochentwickelte industrielle Basis sowie qualifizierte Arbeitskräfte. Entscheidend ist vielmehr, dieses Potenzial mit einer ganzheitlicheren und stärker multipolaren Strategie zu nutzen.
In diesem Zusammenhang rückt Türkiye als Schlüsselpartner für Europa in den Fokus. Mit ihrer jungen und dynamischen Bevölkerung, ihrer starken industriellen Produktionskapazität, ihrer strategischen Lage in den Energiekorridoren und ihren vielfältigen außenwirtschaftlichen Beziehungen kann Türkiye eine wichtige Rolle in Europas neuer Balancepolitik spielen. Eine Vertiefung der Beziehungen zu Ankara könnte Europas globale Wirkung in den Bereichen Energiewende, industrielle Lieferketten und regionale Stabilität deutlich erhöhen.
Die Hinwendung Europas nach Osten beschränkt sich somit nicht auf Riad, Neu-Delhi oder Singapur. Eine vertiefte und konstruktive Partnerschaft mit Ankara kann zu einem integralen Bestandteil dieser multipolaren Strategie werden.
Eine verspätete, aber weiterhin mögliche Neuverortung Europas
Die heutigen Schritte der Europäischen Union und Deutschlands sind weniger Ausdruck eines abrupten Kurswechsels als vielmehr das Ergebnis einer lange vertagten Realitätserkenntnis. Die US-zentrierte Weltordnung hat Europa über Jahrzehnte Sicherheit, Stabilität und Wohlstand ermöglicht. In dieser Arbeitsteilung überließ Europa zentrale Bereiche wie Verteidigung, Nachrichtendienste und Spitzentechnologie Washington und konzentrierte sich im Gegenzug auf Industrie, Sozialstaat und wirtschaftliche Integration. Unter den damaligen Bedingungen war diese Entscheidung rational und erfolgreich.
Doch diese Ordnung trägt nicht mehr. Zunehmender Protektionismus in der US-Handelspolitik, einseitige technologische Eingriffe und der Einsatz wirtschaftlicher Instrumente als geopolitischer Druck haben die Kosten dieser Arbeitsteilung offengelegt. Gleichzeitig hat Chinas wachsende Dominanz in globalen Lieferketten Europa in eine strukturell verletzlichere Position zwischen den Großmächten gebracht. Die heutige Lage ist das Ergebnis unterlassener Investitionen und aufgeschobener strategischer Weichenstellungen.
Gerade in dieser Phase zeigt sich jedoch ein zentrales Problem europäischer Außenpolitik: Neue wirtschaftliche Öffnungen – etwa gegenüber den Golfstaaten – werden von Teilen der politischen Debatte reflexhaft ideologisch überformt. Eine Außenpolitik, die primär auf moralische Abgrenzung statt auf strategische Gestaltung setzt, schwächt jedoch Europas Handlungsfähigkeit. Außenpolitik wird so nicht werteorientierter, sondern wirkungsloser.
Dieses Muster ist nicht neu. Dieselben politischen Milieus haben über Jahre hinweg auch die Beziehungen zu Türkiye unter normative Vorbehalte gestellt und damit eine vertiefte strategische Partnerschaft blockiert. Weder Europas Einfluss noch Reformdynamiken wurden dadurch gestärkt. Im Gegenteil: Die Beziehungen zwischen Deutschland, der EU und Türkiye blieben deutlich hinter ihrem möglichen Potenzial zurück.
Dabei hätte eine frühere, pragmatischere Kooperation klare Vorteile geboten. In den Bereichen Verteidigung, Energie, industrielle Wertschöpfung, Logistik und regionale Sicherheit wäre Türkiye heute ein zentraler Pfeiler europäischer Resilienz. Viele aktuelle Herausforderungen – von Energieabhängigkeiten bis zu fragilen Lieferketten – hätten durch eine realistischere Türkiye-Politik zumindest abgefedert werden können.
Dennoch ist Europas Handlungsspielraum nicht verloren. Das Freihandelsabkommen mit Indien, die Energie- und Industriepartnerschaften mit Saudi-Arabien sowie die Öffnung gegenüber Singapur und ASEAN zeigen, dass Europa weiterhin fähig ist, eine regelbasierte und ausgewogene Ordnung aktiv mitzugestalten. Das „europäische Modell gegen den Protektionismus“ ist damit mehr als ein Schlagwort – insbesondere das Abkommen mit Indien steht für einen bewussten Balanceakt gegenüber US-Zolldruck und übermäßiger China-Abhängigkeit.
Entscheidend wird sein, ob Europa diese Öffnungen in eine langfristige Strategie überführt. Investitionen in grünen Wasserstoff, digitale und KI-basierte Industrieökosysteme sowie breit angelegte Handelspartnerschaften sind dabei zentrale Bausteine. Voraussetzung dafür sind schnellere Entscheidungsprozesse, stärkere interne Koordination und eine Abkehr von symbolischer Wertepolitik ohne strategische Tiefe.
Vor diesem Hintergrund bleibt auch die Zukunft der Beziehungen zu Türkiye von zentraler Bedeutung. Als Energie- und Produktionsdrehscheibe, logistischer Knotenpunkt und regionaler Akteur kann Türkiye eine komplementäre Rolle in Europas multipolarer Balancepolitik einnehmen. Gelingt es Europa, seine Öffnung nach Osten auch auf das unmittelbare Umfeld auszuweiten, kann daraus langfristig ein deutlich robusterer globaler Einfluss erwachsen.