Sound statt Klartext: Wie sich Kanzler Merz' China-Reise lesen lässt

Von Friedrich Merz hatten wir Konfrontation erwartet. Was wir bekamen, war Konfuzius und der Versuch, eine neue Grundlage für die Beziehung zu China zu schaffen.

By Prof. Uli Brückner
Bundeskanzler Friedrich Merz besucht China. / Foto: Reuters / Reuters

Noch am CDU-Parteitag vor wenigen Tagen warnte der Kanzler, China erhebe den Anspruch, eine neue multilaterale Ordnung zu gestalten – eine, in der westliche Werte keinen Platz mehr haben. Zu Hause klang Friedrich Merz nun deutlich anders als in Peking. Dort, in der Großen Halle des Volkes, dankte er „von Herzen“ für die Einladung, gratulierte zum „Jahr des Feuerpferdes“, schwieg öffentlich zu Menschenrechten; den Zugang zu Märkten sprachen die Chinesen an, während der oft zu hörende Vorwurf, China der Untätigkeit im Ukrainekrieg zu beschuldigen und zu belehren, nicht gefüttert wurde.

Ist das „Realpolitik“? Eine demonstrative Abkehr von „wertegeleiteter Außenpolitik“? Oder der Beginn einer „echten Strategiewende“? Die Antwort ist unbequemer als jede dieser Vereinfachungen.

Der Kanzler, der nicht mehr mahnt

Merz folgt seiner Überzeugung, dass deutsche Außenpolitik zu lange „gemahnt, gefordert, gemaßregelt“ habe. Er will es anders machen. Das hat er bereits auf den Reisen als „Außenpolitik-Kanzler“ in die Golfstaaten und nach Indien erkennen lassen – und nun auch und gerade im Verhältnis zu China, dem Land, „an dem niemand mehr vorbeikommt“. Also: Dialog. Das klingt pragmatisch. Es erinnert aber auch unangenehm an die Chinareisen Angela Merkels – und an das, was folgte: Jahrzehnte des Handels ohne Wandel, am Ende mit einer deutschen Wirtschaft, die sich in strategische Abhängigkeiten manövriert hatte, aus denen sie sich nun mühsam herauszuwinden versucht.

Merz hat vor dem Abflug betont, eine „Entkoppelung von China“ wäre ein Fehler: „Mit einer solchen Politik würden wir uns ins eigene Fleisch schneiden.“ Das ist angesichts der gegenseitigen Verflechtung so offensichtlich, dass es von der eigentlichen Frage ablenkt: Es geht nicht darum, ob man sich von China trennt, sondern wie das Verhältnis künftig ausgestaltet wird, welche Ziele dabei erreicht werden sollen und vor allem, wie Zielkonflikte ausbalanciert werden.

Die Zahlen hinter dem Lächeln

China war 2025 mit 251,8 Milliarden Euro erneut Deutschlands wichtigster Handelspartner. Doch die Asymmetrie ist offensichtlich: Deutschland importierte Waren im Wert von 171,2 Milliarden Euro, exportierte aber nur 81,8 Milliarden. Der deutsche Export sank um 9,3 Prozent – das ist nicht nur Konjunktur, es ist auch Struktur.

Gleichzeitig drängt China massiv in wichtige deutsche Absatzmärkte in Mittel- und Osteuropa und gewinnt dort Marktanteile, die deutsche Unternehmen verlieren.

Bei zentralen Konfliktpunkten – chinesischen Restriktionen beim Export kritischer Rohstoffe, Forderungen nach fairen Wettbewerbsbedingungen – gab es offenbar keine Fortschritte. Das einzig konkrete Entgegenkommen war eine Airbus-Bestellung über 120 Flugzeuge, was aber schon Macron bei seinem Besuch versprochen worden war. Die größte Wirtschaftsdelegation seit vielen Jahren hatte sich wohl mehr erwartet. Sie ist aber auch ein Zeichen, dass trotz der „Versicherheitlichung von allem“ De-Risking – ein Wort, das wie „Rivale“ auf den Verlautbarungen während der Reise nicht vorkam – von einigen deutschen Unternehmen so verstanden wird, dass man sich den Verlust des chinesischen Marktes nicht leisten kann und will.

Vor diesem Hintergrund ist es bezeichnend, dass Peking wählt, wann es großzügig ist – und diese Großzügigkeit politisch inszeniert.

Merz bekam sein Foto, seine Flugzeugbestellung, seine symbolische Wärme, protokollarische Ehren. China bekam etwas, das schwerer wiegt: ein deutsches Signal, dass die Zeit des kritischen Multilateralismus vorbei ist und Berlin wieder bilateral zu haben ist – auch wenn Merz explizit darauf hinwies, dass er Europäer ist.

Geopolitik im Dreieck: Trump, Xi, Merz

Was diesen Besuch von anderen Wirtschaftsreisen unterscheidet, ist der Zeitpunkt. Kaum gelandet in Berlin, reist Merz weiter nach Washington zu Donald Trump. China hat die USA als wichtigsten deutschen Handelspartner wieder überholt – eine Entwicklung, die in den USA genau beobachtet wird. Je nach den Ergebnissen des China-Besuchs könnte Trump seine Haltung zu Deutschland verändern. Damit war die Reise nicht nur ein Signal gegenüber dem chinesischen Gastgeber und der deutschen Öffentlichkeit. Sie sendet auch eine Botschaft an den unersetzlichen Partner USA und seine aktuelle Regierung.

Das ist die eigentliche Gratwanderung: Deutschland versucht, weder von Washington noch von Peking erpressbar zu sein – und riskiert dabei, von beiden gleichzeitig instrumentalisiert zu werden. Was dabei entsteht, lässt sich so beschreiben: In den letzten Jahren stand nach der bitteren Erkenntnis der eigenen Erpressbarkeit durch asymmetrische Abhängigkeiten De-Risking auf der Agenda – weniger Investitionen in China, mehr Diversifizierung. Nun scheint die Strategie „Re-Risking“ zu sein. Ob das eine bewusste Entscheidung ist oder der schleichende Drift infolge der zerfallenden bisherigen Weltordnung, bleibt unklar. Beides birgt Gefahren.

Dazu kommt die Ukraine. Chinas Unterstützung für Russland ist enorm: Peking verschafft Moskau eine wichtige wirtschaftliche Lebensader durch Energieeinkäufe, kritische Mineralien für die Drohnenproduktion sowie einen stetigen Fluss von Dual-Use-Gütern. Russlands Abhängigkeit von China ist seit 2022 stark gewachsen. Merz bat Xi, seinen Einfluss für ein Ende des Krieges geltend zu machen – blieb dabei aber zahm. Vorab wurde betont, wie akribisch sich der Kanzler auf seine erste Chinareise vorbereitet hat. Die chinesische Verärgerung über deutsche Belehrungen und Beschuldigungen ist ihm dabei nicht entgangen. Diesmal hieß es: „Ich habe gebeten“ – das ist die Sprache der Diplomatie. Es ist nicht die Sprache dessen, der Druck ausübt, weil ihm bewusst ist, dass er dazu nicht in der Position ist.

Was ein echter Kurswechsel aussehen müsste

Merz hat recht, dass Dialog notwendig ist. Er hat recht, dass Entkoppelung keine Option ist – und auch keine Strategie. Und er hat recht, dass geopolitischer Realismus bedeutet, unbequeme Partner einzubeziehen statt zu ignorieren.

Aber Realismus bedeutet auch, die eigenen Hebel zu kennen und zu nutzen. Der einzige echte Hebel, den Deutschland und Europa in der Hand haben, ist der Zugang zum europäischen Binnenmarkt. Bilaterale Sonderwege – ob bei Exportkontrollen, Investitionsschutz oder Branchendeals – untergraben genau diese Hebelwirkung.

Ein wirklicher Kurswechsel wäre nicht weniger Konfrontation, sondern smarter gebündelte europäische Verhandlungsmacht, die deutsche und europäische Interessen mit chinesischen Interessen zu einem europäischen Kompromisspaket schnürt. Was Merz stattdessen zelebrierte, war das Gegenteil – und eine Fortsetzung von Macrons kürzlichem Besuch: nationale Diplomatie mit 30 deutschen CEOs (mehr wollten mitfahren, durften aber nicht) im Schlepptau, während Brüssel zuschaut.

Ein neuer Ton, keine neue Strategie

Merz’ Peking-Reise markiert einen Tonwechsel, keinen Strategiewechsel – jedenfalls noch nicht. Der Kanzler hat signalisiert, dass er nicht belehren will. Das ist menschlich verständlich und taktisch vielleicht sogar klug. In Zeiten, in denen Weltpolitik wieder von starken Männern gemacht wird und weniger von Institutionen und gut funktionierenden rechtsstaatlichen Organisationen, ist die Entwicklung persönlicher Beziehungen unverzichtbar. Die Chinesen schätzen es nicht, Gäste zu empfangen, die ihnen im eigenen Haus die Leviten lesen, und sie vergessen solche Momente nicht.

Doch Ton ist nicht Substanz. Am Ende wird Peking nicht die herzlichen Worte erinnern. Es wird die Frage stellen, inwieweit Deutschland in einer Welt zwischen Trump und Xi noch eine eigenständige strategische Rolle spielen kann, ob und wie es sich in eine abgestimmte europäische Chinastrategie einbringt – oder ob es wieder einmal hauptsächlich als Exportnation auftritt, die Geschäfte macht und hofft, dass die großen Mächte die Weltordnung schon irgendwie regeln werden.

Diese Frage hat Merz in Peking nicht beantwortet. Sie wird ihn einholen.