Alte Reflexe, neue Wirklichkeit – Europa und Türkiye vor neuen Chancen

Die neue geopolitische Lage eröffnet Europa und Türkiye die Chance, ihre Beziehungen konstruktiv zu vertiefen. Eine strategische Partnerschaft zwischen EU und Türkiye kann Sicherheit, wirtschaftliche Integration und Vertrauen stärken.

By Muhammed Ali Uçar
Foto: Murad Sezer/REUTERS

Europas geopolitische Landschaft verändert sich rasant. Der Krieg in der Ukraine, die Erosion multilateraler Strukturen und Unsicherheiten im transatlantischen Verhältnis zwingen die Europäische Union zu einer strategischen Neujustierung. In diesem Kontext erhielt der Besuch von EU-Erweiterungskommissarin Marta Kos in Ankara eine Bedeutung, die über diplomatische Höflichkeiten hinausgeht. Ihr Satz, man müsse die Beziehungen zwischen der EU und Türkiye „mit frischen Augen“ betrachten, klingt wie eine verspätete Einsicht.

Wenn Kos hervorhebt, dass Türkiye der fünftgrößte Handelspartner der Europäischen Union ist, wenn sie die Rückkehr der Europäischen Investitionsbank als „starken ersten Schritt“ bezeichnet und vom Ausbau regionaler Infrastrukturprojekte spricht, dann signalisiert das mehr als Routine. Es ist Ausdruck geopolitischer Notwendigkeit. Doch die entscheidende Frage bleibt: Begreift Europa Türkiye nun als dauerhaften strategischen Partner – oder bleibt das Land in Krisenzeiten lediglich funktionaler Verbündeter?

Normative Argumente und strategische Widersprüche

Die Beziehungen zwischen Türkiye und der Europäischen Union wurden über viele Jahre hinweg in erster Linie in einem normativen Rahmen verhandelt. „Menschenrechte, Meinungsfreiheit und demokratische Standards“ standen im Zentrum der Debatte. Besonders in Deutschland entwickelte sich ein erheblicher politischer Widerstand gegen eine Mitgliedschaft von Türkiye. Doch wenn die Diskussion ausschließlich über Werte geführt wird, bleibt sie unvollständig.

Gleichzeitig pflegen dieselben europäischen Staaten enge wirtschaftliche Beziehungen zu Ländern, in denen demokratische Strukturen schwach ausgeprägt sind oder in denen Militärputsche Realität waren. Aus diesen Staaten flossen Direktinvestitionen nach Europa, während deutsche und andere europäische Unternehmen dort aktiv tätig sind. Vor diesem Hintergrund erscheint die Einschätzung plausibel, dass normative Argumente im Fall von Türkiye mitunter auch als Instrument strategischer Konkurrenz und innenpolitischer Kalkulation dienten. In einigen Mitgliedstaaten der EU, insbesondere mit Blick auf Griechenland, wurde eine engere Annäherung an Türkiye aus ideologischen Gründen kritisch gesehen, häufig ohne tragfähige pragmatische Grundlage. Die Sorge vor der wirtschaftlichen und politischen Wettbewerbsfähigkeit von Türkiye wurde nicht selten in eine normative Sprache übersetzt. Das Resultat war eine über Jahre faktisch eingefrorene Beitrittsperspektive.

Sicherheitspolitische Realitäten in einer neuen europäischen Ordnung

Der russische Angriff auf die Ukraine hat Europas sicherheitspolitische Verwundbarkeit offengelegt. Gleichzeitig erzeugen politische Entwicklungen in den USA neue Unsicherheiten. Die Möglichkeit einer transatlantischen Distanzierung – verbunden mit provokanten Vorstößen wie jenen rund um Grönland – hat das Vertrauen in eine dauerhaft garantierte Sicherheitsarchitektur erschüttert.

In diesem Kontext rückt Türkiye ins Zentrum strategischer Überlegungen. Als zweitgrößte Militärmacht der NATO verfügt Türkiye über Fähigkeiten, die für Europas Sicherheit essenziell sind. Darüber hinaus liegt Türkiye geografisch an entscheidenden Energie- und Transportkorridoren. Die Rolle Ankaras in der Schwarzmeerregion, seine diplomatischen Initiativen und die Fähigkeit, mit unterschiedlichen Konfliktparteien zugleich zu kommunizieren, machen deutlich: Eine europäische Sicherheitsordnung ohne Türkiye wäre strukturell lückenhaft.

Hinzu kommt die innenpolitische Stabilität, die Türkiye in den vergangenen Jahren trotz regionaler Krisen bewahren konnte. Diese Stabilität erhöht die Planbarkeit strategischer Kooperation.

Wirtschaftliche Verflechtung und das ungenutzte Potenzial der Zollunion

Die ökonomische Dimension ist ebenso eindeutig. Deutschland, Italien und Frankreich gehören zu den wichtigsten Handelspartnern von Türkiye. Umgekehrt ist die Europäische Union für Türkiye der zentrale Markt. In einer Welt fragmentierter Lieferketten gewinnt diese gegenseitige Abhängigkeit an Bedeutung.

Dennoch bleibt die Zollunion veraltet. Dienstleistungen, Landwirtschaft und öffentliche Aufträge sind weitgehend ausgeklammert. Damit wird Potenzial verschenkt – auf beiden Seiten. Eine Modernisierung der Zollunion könnte Europas Wettbewerbsfähigkeit stärken und zugleich Türkiye tiefer in die wirtschaftliche Architektur Europas integrieren.

Die Rückkehr der Europäischen Investitionsbank ist ein positives Signal. Doch echte strategische Tiefe entsteht erst, wenn wirtschaftliche Integration konsequent ausgebaut wird. Türkiye verfügt über eine junge Bevölkerung, qualifizierte industrielle Arbeitskräfte und wachsende Produktionskapazitäten. In Zeiten globaler Unsicherheit sind das keine Randfaktoren, sondern strategische Ressourcen.

Die Visafrage als Test für Glaubwürdigkeit

So sehr von Partnerschaft und strategischer Annäherung gesprochen wird – im Alltag bleibt ein zentrales Hindernis bestehen: das Visaproblem. Bürgerinnen und Bürger aus Türkiye sehen sich weiterhin hohen Hürden bei der Beantragung von Schengen-Visa gegenüber.

Mehrfachvisa und administrative Erleichterungen sind Schritte in die richtige Richtung. Doch solange Wartezeiten, Ablehnungsquoten und bürokratische Unsicherheiten anhalten, bleibt die Botschaft widersprüchlich. Man kann keine vertiefte strategische Partnerschaft fordern und zugleich gesellschaftliche Mobilität einschränken.

Eine glaubwürdige Partnerschaft muss sich nicht nur in Gipfelerklärungen, sondern auch im Alltag widerspiegeln. Fortschritte in Richtung Visaliberalisierung wären daher mehr als Symbolpolitik – sie wären ein Zeichen gegenseitigen Vertrauens.

Europa steht an einem strategischen Wendepunkt. Globale Machtverschiebungen, wirtschaftliche Unsicherheiten und sicherheitspolitische Risiken verlangen eine pragmatische Außenpolitik jenseits ideologischer Reflexe. Kleine Rivalitäten innerhalb der EU dürfen nicht länger verhindern, dass Europa als globaler Akteur handlungsfähig bleibt.

Eine modernisierte Zollunion, gelöste Visafragen und eine realistische Beitrittsperspektive für Türkiye könnten Europa geopolitisch stärken. Türkiye ist längst zu bedeutend, um es mit normativen Standardformeln auf Distanz zu halten.

Die eigentliche Entscheidung lautet daher nicht, ob Europa Türkiye braucht. Die Frage ist, ob Europa bereit ist, diese Realität dauerhaft anzuerkennen – oder ob es nach der nächsten Krisenentspannung wieder in alte Muster zurückfällt.