25 Jahre AK Partei: Wie Ankara sein Verhältnis zu Europa und zur türkischen Diaspora neu definierte
TÜRKİYE
6 Min. Lesezeit
25 Jahre AK Partei: Wie Ankara sein Verhältnis zu Europa und zur türkischen Diaspora neu definierteAus „Gastarbeitern“ wurden fest verwurzelte Gemeinschaften. Ankara baute seine Diasporapolitik aus – und machte Auslandstürken zunehmend zu einem Faktor der Beziehungen zu Europa.
Der türkische Präsident Recep Tayyip Erdoğan / Foto: AA

Als die AK Partei 2001 gegründet wurde und ein Jahr später die Regierung übernahm, lebten bereits seit Jahrzehnten Millionen Menschen türkischer Herkunft in Europa. Was mit den Anwerbeabkommen der 1960er-Jahre als vorübergehende Arbeitsmigration begonnen hatte, war längst zu einer dauerhaften gesellschaftlichen Realität geworden.

Unter der AK Partei begann Ankara zugleich, sein Verhältnis zu diesen Menschen neu zu definieren. Auslandstürken wurden zunehmend nicht mehr nur als ausgewanderte Arbeitskräfte betrachtet, sondern als gesellschaftliche Akteure und Bindeglied zwischen Türkiye und Europa.

Vom „Gastarbeiter“ zur Diaspora

Besonders deutlich wird dieser Wandel in Deutschland. Für den AK-Partei-Abgeordneten Oğuz Üçüncü markierte der Regierungswechsel 2002 einen Wendepunkt. Es sei ein „herzliches Band zu den Millionen in Deutschland lebenden türkischstämmigen Mitbürgern“ geknüpft worden, sagt Üçüncü gegenüber TRT Deutsch.

Regierung, Behörden und diplomatische Vertretungen hätten sich stärker den Anliegen der Auslandstürken gewidmet. Gleichzeitig habe der wirtschaftliche Aufschwung von Türkiye bei Teilen der Gemeinschaft ein neues Selbstbewusstsein gegenüber dem Herkunftsland geschaffen.

Ähnlich bewertet die AK-Partei-Abgeordnete Meryem Göka die Entwicklung. Göka wurde selbst in Deutschland geboren und leitete von 2019 bis 2023 die Deutschlandvertretung der Partei.

„Wir sehen unsere Diaspora nicht mehr nur als eine Migrationsgeschichte, sondern als natürliche Erweiterung der globalen Präsenz von Türkiye“, sagt sie gegenüber TRT Deutsch.

Aus den „Gastarbeitern“ der ersten Generation seien längst dauerhafte Gemeinschaften entstanden. Ihre Nachkommen seien heute Unternehmer, Wissenschaftler, Politiker, Künstler oder Sportler und fester Bestandteil der europäischen Gesellschaften.

Auch der ehemalige türkische Botschafter in Wien, Ozan Ceyhun, sieht einen deutlichen Wandel seit 2002. Zuvor hätten sich viele Menschen türkischer Herkunft in Deutschland, Österreich, der Schweiz, Belgien oder den Niederlanden von ihrem Herkunftsland allein gelassen gefühlt.

Mit der AK-Partei-Regierung habe sich diese Wahrnehmung verändert. Das Wissen, Türkiye hinter sich zu haben, habe nach Ceyhuns Einschätzung das Selbstvertrauen vieler Auslandstürken gestärkt. Heute trete die türkische Gemeinschaft in Europa gesellschaftlich deutlich selbstbewusster auf.

Ankara institutionalisiert seine Diasporapolitik

Dieser Perspektivwechsel erhielt auch einen institutionellen Rahmen. 2010 wurde das Präsidium für Auslandstürken und verwandte Gemeinschaften (YTB) gegründet. Sprache, Kultur, Bildung und gesellschaftliche Teilhabe rückten damit stärker in den Fokus staatlicher Diasporapolitik. Gleichzeitig wurden konsularische Angebote ausgebaut.

Ein weiterer Einschnitt folgte 2012 mit der gesetzlichen Grundlage für die Stimmabgabe türkischer Staatsbürger in ihren Wohnsitzländern. Bei der Präsidentschaftswahl 2014 konnten Auslandstürken erstmals vor Ort wählen.

Für Göka war dies mehr als eine technische Reform. Menschen könnten ihren Lebensmittelpunkt dauerhaft in Europa haben und zugleich an den politischen Prozessen in Türkiye teilnehmen.

Ankara verbindet diese Politik mit einem doppelten Anspruch: Die Menschen sollen ihre Sprache und kulturelle Identität bewahren, sich gleichzeitig aber stärker in Bildung, Wirtschaft, Wissenschaft, Politik und Zivilgesellschaft ihrer europäischen Heimatländer einbringen.

Genau hier entsteht jedoch ein Spannungsfeld. Während Ankara sein Engagement als Unterstützung der Auslandstürken versteht, wird es in Deutschland und Österreich teilweise als politische Einflussnahme kritisiert. Debatten über Wahlkampfauftritte, Moscheeverbände oder türkische politische Organisationen zeigen, dass die Diaspora selbst zu einem Faktor der bilateralen Beziehungen geworden ist.

Von der EU-Annäherung zu strategischen Interessen

Parallel dazu veränderte sich Ankaras Verhältnis zu Brüssel. Die ersten Regierungsjahre der AK Partei waren von der EU-Annäherung geprägt. 2005 begannen die Beitrittsverhandlungen. Der damalige Bundeskanzler Gerhard Schröder unterstützte den türkischen Beitrittsprozess.

Ceyhun erlebte diese Phase nach eigenen Angaben aus unmittelbarer Nähe. Er war damals in der SPD aktiv und verweist auf die zunächst vorsichtige, später jedoch deutlich engere Annäherung von SPD und Grünen an die neue türkische Regierung. Auch die persönliche Beziehung zwischen Schröder und Recep Tayyip Erdoğan habe ihren Ursprung in dieser Zeit.

Üçüncü spricht ebenfalls von einem damals „vertrauensvollen“ Verhältnis zu Berlin. Mit Angela Merkel in Deutschland sowie Regierungen in Frankreich und Österreich, die eine türkische EU-Vollmitgliedschaft ablehnten, habe sich das politische Klima verändert.

Auch Ceyhun beschreibt zunächst eine Abkühlung unter Merkel. Später habe die Bundesregierung Türkiye jedoch wieder größere Bedeutung beigemessen – sowohl wegen der Entwicklung des Landes als auch angesichts der Flüchtlingsfrage. Trotz wiederkehrender Spannungen sei Türkiye für Deutschland heute ein zentraler Partner und bei Bedarf auch Verbündeter.

Besonders ab 2016 verschärften sich die Konflikte. Die Armenien-Resolution des Bundestages, der Umgang mit dem gescheiterten Putschversuch der Fetullahistischen Terrororganisation in Türkiye sowie Auseinandersetzungen über Wahlkampfauftritte und Menschenrechtsfragen belasteten das Verhältnis.

Die wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Verbindungen blieben dennoch bestehen. Nach Angaben Gökas erreichte der deutsch-türkische Handel 2025 rund 52 Milliarden Dollar. Mehr als 8.000 deutsche oder deutsch finanzierte Unternehmen seien in Türkiye aktiv. Rund 6,7 Millionen deutsche Touristen hätten das Land im selben Jahr besucht.

Für Göka zeigt das, dass die Beziehungen längst über die Regierungen hinausreichen. Deutschland und Türkiye seien auch durch Handel, NATO, Energie, Migration und Millionen persönliche Verbindungen aufeinander angewiesen.

Uçar: Außenpolitische Rolle von Türkiye hat sich verändert

Dr. Muhammed Ali Uçar, Mitglied des zentralen Entscheidungs- und Verwaltungsgremiums der AK Partei (MKYK), ordnet die Beziehungen zu Europa in einen größeren Wandel türkischer Außenpolitik ein.

Türkiye habe in den vergangenen 25 Jahren seinen außenpolitischen Aktionsradius erheblich erweitert. Das Land trete heute selbstbewusster als regionaler Akteur auf und verfüge vom Balkan über den Kaukasus bis zum Nahen Osten über vielfältige diplomatische Kanäle.

Besonders der Ukraine-Krieg habe diese Rolle sichtbar gemacht. Ankara konnte mit Moskau und Kiew im Gespräch bleiben und zugleich seinen Verpflichtungen innerhalb der NATO weiterhin nachkommen. Für Uçar hat gerade die Fähigkeit, mit unterschiedlichen Seiten zu sprechen, das diplomatische Gewicht Türkiyes erhöht.

Auch Üçüncü sieht den russischen Angriff auf die Ukraine als Wendepunkt im Verhältnis zu Deutschland. In Berlin habe sich zunehmend die Einsicht durchgesetzt, dass Türkiye für die europäische Sicherheits- und Energiearchitektur unverzichtbar sei.

Auch mit Österreich hat Ankara zuletzt wieder eine stärkere Annäherung gesucht. Neben Migration und Sicherheit rücken Handel, Energie, Verkehr und Technologie stärker in den Mittelpunkt.

Ceyhun, der Türkiye fast fünf Jahre lang als Botschafter in Wien vertrat, bezeichnet den heutigen Stand der türkisch-österreichischen Beziehungen als „hervorragend“. Während seiner Amtszeit habe er mit Unterstützung von Präsident Erdoğan selbst zur Verbesserung des Verhältnisses beitragen können. Nach Jahren politischer Spannungen unterstreicht seine Einschätzung damit den deutlichen Wandel im Verhältnis zwischen Ankara und Wien.

Zwischen Türkiye und Europa

Nach 25 Jahren AK-Partei-Ära ist die türkische Diaspora damit weder nur Fortsetzung der Gastarbeitergeschichte noch ausschließlich ein innenpolitisches Thema europäischer Staaten.

Aus einer zunächst als temporär betrachteten Einwanderergemeinschaft ist ein fester Bestandteil der europäischen Bevölkerung geworden. Gleichzeitig hat Ankara sie zu einem eigenständigen Bestandteil seiner Außen- und Gesellschaftspolitik gemacht.

Darin liegt eine der langfristig bedeutendsten Veränderungen der AK-Partei-Ära: Menschen türkischer Herkunft können sich zunehmend als Teil Deutschlands, Österreichs oder Frankreichs verstehen, ohne ihre kulturelle Verbindung zu Türkiye vollständig aufzugeben.

Weit über ihre Funktion als Brücke hinaus hat sich die Diaspora zu einem zentralen, gestaltenden Element der europäisch-türkischen Beziehungen entwickelt.

QUELLE:TRT Deutsch