Ist Europas Sicherheitsarchitektur ohne Türkiye zum Scheitern verurteilt?

Europa hat sich zu lange hinter Washington versteckt – jetzt fällt der Schutzschirm. Der Kontinent sucht seine Sicherheit neu – und merkt: Ohne Türkiye wird Europas neue Machtarchitektur zur Illusion.

By Prof. Dr. Enes Bayraklı
Ist Europas Sicherheitsarchitektur ohne Türkiye zum Scheitern verurteilt? / Foto: AA / AA

Europa hat auf schmerzhafte Weise gelernt, dass es sich nicht länger bedingungslos auf die Vereinigten Staaten verlassen kann. Die russische Bedrohung, der geopolitische Schock durch die zweite Präsidentschaft von US-Präsident Donald Trump und die Grönland-Krise zwingen den Kontinent zu einer grundlegenden Neuordnung seiner Sicherheitsarchitektur. Im Zentrum dieser Neuorientierung steht der E3-Kern aus Frankreich, Deutschland und dem Vereinigten Königreich – doch der entscheidende vierte Akteur ist Türkiye.

Wenn Chinesen jemanden verfluchen wollen, heißt es angeblich: Mögest du in interessanten Zeiten leben. Heute scheint dieser Fluch globale Realität geworden zu sein – für Europa jedoch in besonders zugespitzter Form.

Die Weltordnung kippt – Europa zögert

Der strategische Aufstieg der Volksrepublik China und die Gegenreaktion der Vereinigten Staaten führen das internationale System durch eben solche „interessanten Zeiten“. Die Folgen dieser Systemkonkurrenz sind unübersehbar: die massive Zurückdrängung des iranischen Einflusses im Nahen Osten, die außergewöhnlichen Interventionen von Trump in Venezuela, seine Forderungen hinsichtlich des Panamakanals sowie seine provokanten Aufrufe an Kanada, „der 51. Bundesstaat der USA“ zu werden.

Am deutlichsten spiegeln sich diese tektonischen Verschiebungen jedoch in den transatlantischen Beziehungen wider.

In seiner zweiten Amtszeit leitete Trump eine Reihe von Maßnahmen ein, die einen geopolitischen Schock für Europa auslösten. Seine wiederholten Aussagen, die Sicherheitsgarantien der Vereinigten Staaten seien nicht länger selbstverständlich, haben die schwerste europäische Sicherheitskrise seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs ausgelöst. Hinzu kam sein offenes Interesse an Grönland – einem autonomen Gebiet des NATO- und EU-Mitglieds Dänemark – sowie seine faktischen Annexionsforderungen. Für Europa wurde damit unübersehbar: Die internationale Ordnung befindet sich im Umbruch.

Rückblickend war dieses Erwachen absehbar. Europa erlebte in den vergangenen zehn Jahren eine Abfolge geopolitischer Erschütterungen, reagierte jedoch aufgrund eigener Trägheit und strategischer Kurzsichtigkeit stets zu spät. Heute prägen Verspätung, Nervosität und teilweise offene Panik das sicherheitspolitische Denken vieler europäischer Hauptstädte.

Vier Schocks, keine Strategie

Der erste Schock war 2014 die russische Annexion der Krim und die Besetzung weiter Teile des Donbass. Europäische Entscheidungsträger gingen davon aus, Russland mit bekannten Instrumenten – und mit amerikanischer Rückendeckung – in der Ukraine „abnutzen“ zu können. Diese Annahme erwies sich als Fehleinschätzung. Moskau zeigte erneut, dass seine Schmerzschwelle extrem hoch ist, wenn es sich existenziell bedroht fühlt, und dass es bereit ist, Hunderttausende Verluste in Kauf zu nehmen.

Der zweite Schock folgte 2022 mit dem russischen Großangriff auf die Ukraine. Europa – insbesondere Deutschland – wurde von der Regierung des damaligen US-Präsidenten Joe Biden faktisch in diesen Krieg hineingezogen und kappte seine Energie- und Handelsbeziehungen zu Russland dauerhaft.

Der dritte Schock war die Rückkehr von ins Weiße Haus. Er kehrte die bisherige Ukraine-Politik der Vereinigten Staaten um und signalisierte offen, Europa gegenüber Russland sich selbst zu überlassen – jenes Europa, das zuvor maßgeblich auf amerikanischen Druck in diesen Krieg geführt worden war.

Der vierte und womöglich tiefgreifendste Schock war Trumps Forderung nach der Übernahme Grönlands. Sie machte unmissverständlich klar, dass auch europäische Verbündete nicht länger vor machtpolitischen Ansprüchen sicher sind.

Die Konsequenz ist eindeutig: Europa kann seine Sicherheit nicht länger an Washington „outsourcen“. Es muss lernen, strategische Autonomie zu entwickeln und auf eigenen Füßen zu stehen. In diesem Kontext entstand der E3-Kern aus Frankreich, Deutschland und dem Vereinigten Königreich.

Warum E3 die NATO nicht ersetzen kann

E3 ist noch keine Alternative zur NATO – dafür fehlt Europa bislang die politische und militärische Reife. Vielmehr wird E3 als europäische Säule innerhalb der NATO konzipiert. Frankreich und das Vereinigte Königreich bilden mit ihren nuklearen Fähigkeiten und ihrer strategischen Planung das militärische „Schwert“, während Deutschland mit industrieller Leistungsfähigkeit, Logistik und Finanzkraft die materielle Durchhaltefähigkeit sicherstellt.

Dieses Konstrukt ruht auf drei zentralen bilateralen Verteidigungslinien.

Erstens der Achse Frankreich–Vereinigtes Königreich: Mit Lancaster House 2.0 vertiefen beide Staaten ihre nukleare Kooperation und gemeinsamen Streitkräfte und eröffnen perspektivisch eine europäische Sicherheitsgarantie für die Ukraine.

Zweitens der Achse Vereinigtes Königreich–Deutschland: Das Trinity-House-Abkommen zielt auf die Skalierung europäischer Verteidigungskapazitäten – von Luftverteidigung und Munition über Cyber- und Weltraumfähigkeiten bis hin zur Logistik.

Drittens der Achse Frankreich–Deutschland: Mit dem sogenannten Franco-German Reset sollen Programme wie FCAS und MGCS institutionell gefestigt und gemeinsame Stationierungen im Baltikum und in Osteuropa vorbereitet werden.

Doch politische Entschlossenheit allein genügt nicht. Abschreckung wird heute nicht durch Rhetorik, sondern durch industrielle Produktionsfähigkeit gemessen. Mit dem SAFE-Programm leitet Europa faktisch den Übergang zu einer sicherheitspolitisch getriebenen Kriegswirtschaft ein: Munition, Luftverteidigungssysteme, Langstreckenwaffen, Drohnen und gemeinsame Beschaffung sollen schnell und koordiniert in Europa produziert werden.

Wenn E3 das strategische Gehirn Europas ist, dann ist SAFE sein Muskel.

Der vierte Reiter heißt Türkiye

In dieser Transformation rückt Türkiye ins Zentrum. In den vergangenen zwei Jahrzehnten hat Türkiye eine leistungsfähige Verteidigungsindustrie aufgebaut – von Drohnensystemen über Munition bis hin zu Land- und Seeplattformen. Damit ist Ankara in der Lage, zentrale Fähigkeitslücken Europas zu schließen. Hinzu kommt eine der einsatzbereitesten Armeen der NATO sowie eine strategische Position an der Südflanke des Bündnisses. Für die europäische Sicherheit ist Türkiye damit nicht länger ein Randakteur, sondern ein struktureller Schlüsselstaat.

Mit der Einbindung Italiens und Spaniens entsteht ein erweitertes europäisches Verteidigungs- und Sicherheitsnetzwerk – nicht als Vision, sondern als logische Folge der neuen Weltordnung. Entscheidend wird dabei das Verhalten der Vereinigten Staaten sein. Sollte Washington die NATO weiter schwächen, bleibt Europa keine realistische Alternative.

Am Horizont sind Europas drei Reiter bereits sichtbar. Der vierte Reiter – Türkiye – wird darüber entscheiden, ob Europa Russland langfristig standhalten kann. Voraussetzung dafür ist, dass Europa alte Denkmuster gegenüber Türkiye überwindet und strategische Prioritäten über ideologische Reflexe stellt. Der Fluch der „interessanten Zeiten“ ist dabei zugleich der entscheidende Katalysator.