DIE TÜRKEI IM RUCKSACK (2012-22)

Eine Sendereihe über die Sehenswürdigkeiten in der Türkei.

Die Türkei im Rucksack (2012-22)
Posted 29.05.2012 08:42:31 UTC
Updated 29.05.2012 08:42:31 UTC

Heute werden wir in den Nordwesten der Türkei reisen, zu einem Berg und seiner Umgebung, der auf der Westseite des Marmarameeres, also auf der europäischen Seite liegt. Dafür müssen wir die Landstrasse, die Bahn oder die Meeresstrasse nach Tekirdağ benutzen. Die Entfernung zwischen Istanbul und Tekirdag beträgt 132 Kilometer. In den letzten 37 Jahren hat sich der Landstrassentransport sehr gut entwickelt, doch konnten die Bahn und der Personentransport auf dem Meer sich dem nicht anschließen. Deswegen werden die Strassen bei Reisen bevorzugt. Für die Reise haben wir uns einen Geländewagen gemietet, da wir viel im bergigen Gebiet unterwegs sein werden. Doch unsere Fahrten zwischen den Dörfern werden wir mit den kleinen Bussen unternehmen.

Die Marmaraküste der Stadt Tekirdağ verfolgend, begeben wir uns in südliche Richtung. Nachdem Barbaros Dorf an der Küste biegen wir rechts ein. Wir sind auf dem Weg ins Dorf Naip. Uns umgeben Sonnenblumenfelder. Tekirdağ deckt ein-viertel der  Sonnenblumenölproduktion der Türkei. Während wir uns dem Dorf Naip nähern, sehen wir im Norden und Süden hinter den Sonnenblumenfeldern Grabhügel. Die 1984 bei den Ausgrabungen ans Tageslicht beförderten Funde werden im Museum von Tekirdağ ausgestellt. Das erste Siedlungsgebiet wurde 3000 vor Christus gegründet. 1200 vor Christus wurden in diesem Gebiet die Thrazier ansässig. Diesen südöstlichen Teil des europäischen Kontinents nennen wir Türken Trakya, also Thrazien.

Im Naip Dorf setzen wir uns in ein Kaffee. Die Männer dort trinken Tee oder Kaffee und spielen Karten. Wir erfahren von den Burgen aus dem Mittelalter, die hier in der Gegend waren und fragen wie wir dort hingelangen. Ein Mann in Jeanshose und Jacke mit Schnurrbart steht auf sagte: „Auf, lasst uns dorthin gehen.“ Auf einem Fußpfad folgen wir dem Mann in Richtung Südwesten. Wir sind neugierig auf das Alter unseres Reiseführers, der sehr gesprächig ist. Er ist 64 Jahre alt. Während wir uns der Schrittgeschwindigkeit des alten Mannes anzupassen versuchen, erreichen wir letzten Endes die Naip Burg, die sich im dichten Wald versteckt. Niemand außer ein Paar Hirten und älteren Holzfällern kommen die Burg besuchen. Wir fragen unseren Reiseführer, warum die Holzfäller so alt sind. Darauf antwortet er: „Die Jugendlichen machen es sich nicht so schwer wie die Alten. Sie fahren an Orte zum Holzfällen, die sie mit dem Auto erreichen können.“ Es ist nicht mehr sehr viel übrig von der Naip- Burg. Nur noch ein Teil der Burgmauern im Süden und eine Zisterne im inneren sind erhalten. In diesem Gebiet gibt es außer dieser noch drei weitere Burgruinen. Doch liegen diese weitentfernt. Wir machen uns mit dem Geländewagen in Richtung Süden auf den Weg.

Wir überqueren die Küstenseite des Işıklar Berges. Das blaue Wasser des Marmara Meeres beeindruckt uns. Die Bergwände sind mit Weinbergen bewachsen. Dieses Gebiet ist seit Jahrhunderten berühmt für seine Trauben und seinen guten Wein. Die besten Weine, die sie in Istanbul kosten, stammen aus diesem Gebiet. Man darf natürlich auch den schmackhaften Rakı, der in den Tekirdağfabriken hergestellt wird, nicht vergessen. Bei der Herstellung des türkischen Nationalgetränks Rakı werden getrocknete Trauben und Anis verwendet. Der Unterschied des Rakıs aus Tekirdağ zu den anderen Rakıarten aus den verschiedenen Gebieten der Türkei, besteht im Geschmack der Trauben. Nach dem Feldweg erreichen wir das Usmakdorf. Es ist nicht leicht das Dorf inmitten von grünen Hügeln, die bewachsen sind mit Eichen, Buchen und Lindenbäumen, zu erreichen. Wir hatten zuvor von der positiven Entwicklung der Landstrassen berichtet. Auch dieses Dorf wird regelmässig von Bussen angefahren. Doch ist es trotzdem nicht leicht es zu erreichen. Außer dem 15 Kilometer langen Bergweg gibt es noch einen weiteren 45 Kilometer langen Weg, der an der Küste entlang durch die Provinzstadt Sarköy führt. Doch im Winter und bei Regen herrscht auf dieser Strasse Rutschgefahr. Der Lehrer der einzigen Schule dieses Dorfes erzählt uns, dass die Einwohnerzahl des Dorfes wegen der Umsiedlung in die Stadt jedes Jahr abnimmt. Die Schule, mit ihren 17 Schülern, wird dieses Jahr nachdem weitere Schüler sie absolvieren, geschlossen und der Lehrer Recep wird im kommenden Jahr jeden Morgen zusammen mit seinen Schülern auf die andere Seite des Berges, zum Dorf Naip laufen müssen. In Uçmakdere leben fast keine jugendlichen mehr und die übrig gebliebenen können die Mädchen aus dem Dorf nicht heiraten. Das Uçmakdere Dorf ist ein „Wanderer“ Dorf. Hierbei müssen wir uns an die nahe Vergangenheit erinnern. Der osmanischen Stadt, der aus dem 1. Weltkrieg als Verlierer hervorging, wurde von den Siegermächten besetzt. Gleichzeitig griff Griechenland unter dem Vorwand die griechischen Minderheiten auf osmanischen Territorien retten zu wollen, den osmanischen Staat an. Nachdem dreijährigen Unabhängigkeitskampf mussten die feindlichen Besatzungstruppen unser Land verlassen, doch führte dies auch dazu, dass dem harmonischen Miteinander der Angehörigen unterschiedlicher ethnischer Gruppen ein Ende bereitet wurde. Und mit einem Beschluss zwischen der türkischen und griechischen Regierung wurde der Austausch zwischen den Türken und Griechen beschlossen. Somit mussten 1922 viele Griechischsprachigen und Orthodoxgläubigen Menschen nach Griechenland und viele Türkischsprachigen Moslems in die Türkei umsiedeln. Die heutigen Einwohner des Uzundere Dorfes sind die Kinder und Enkel der damals aus Griechenland in die Türkei umgesiedelten Menschen. Die Söhne und Enkel der 1922 wegen politischer Gründe hierher umgesiedelten Menschen müssen nun aus finanziellen Schwierigkeiten alles liegen lassen und in die Stadt umsiedeln.

Außer diesen umsiedelnden Menschen gibt es in diesem Gebiet auch noch Zigeuner, deren Lebensart es ist, umherzuziehen. Sie kommen in den Frühlingsmonaten, wenn die Lindenbäume Blüten tragen, auf die Berge. Die Zigeuner, die ihren eigentlichen Unterhalt aus der Korbflechterei verdienen, schlagen ihre Zelte in der Zeit der blühenden Linden auf. Jeden Abend übergeben sie die Lindenblüten, die sie gesammelt haben, einem Großhändler. Und mit dem Geld kaufen sie sich Wurst und Wein. Wie unser Freund Gökhan Tan gesagt hat: “Als würden sie sich darum bemühen, ohne Geld den kommenden Tag zu begrüßen.“ Eigentlich pflücken nicht nur die Zigeuner die Lindenblüten. Gleichzeitig werden die Zigeuner als Aushilfskräfte angestellt. Denn diese Arbeit kann nicht alleine nur mit Familienarbeit bewältigt werden. Die Männer schneiden die Äste ab und setzen sie den Frauen und Kindern vor. Eine 4-köpfige Familie kann pro Tag 30 Kg. Lindenblüten pflücken.

In der Erntezeit der Trauben verbreitet sich in der Umgebung des Uçmakdere Dorfes ein Traubenduft. Die Spitze des Işıklar Berges liegt nicht besonders hoch. Die Bergspitze, die bei einer Höhe von 924 Meter liegt, wird Uçakbaşı genannt. Wenn sie dort angelangt sind, können sie sich Zeit dafür nehmen, den Ausblick auf das Marmarameer und die Ebenen zu genießen. Danach können sie die Dörfer an der Küste entlang besuchend in Richtung Süden fahren. Der letzte Töpfer dieses Gebietes erlitt eine Querschnittslähmung. Die anderen Familienmitglieder interessieren sich nicht für seinen Beruf. Zum Glück gibt es die Weinfabriken noch. Was würden sie dazu sagen, den Weißwein des Mürefte Dorfes, das noch weiter im Süden liegt, zu probieren?